Kategorie: Erste Sätze

Wortkompositionen wie Arthousekopfkino

„Altvater Schuppenwurz wacht aus dem Stand weitflächig auf, streift pechdunkle Traumreste ab, die glitzern vor feuchten Kehrichtklumpen.“

Max Porter: „Lanny“. Kein & Aber, 2019

Altvater Schuppenwurz? Who the fuck is Altvater Schuppenwurz? Das Staunen im ersten Satz geht weiter. Weitflächiges Erwachen, pechdunkle Traumreste, Wortkompositionen wie Arthousekopfkino. Den einen mag der Formulierungsrausch verstören, den anderen betören wie magische Pilzpartys. Wer da kieselsteinklimpernd lockt, ihm in seine Geschichte über einen sagenhaften Gestaltenwandler, dessen Dorf und seine geschwätzigen Bewohner zu folgen, hinein in eine traumwandlerische Familiengeschichte zwischen Mythen und Moderne, ist Max Porter. Der Engländer, Jahrgang 1981, ist ein Prosapoet mit tief verwurzeltem Naturtalent, einer, der dem Gedicht immer ein paar Buchstaben näher ist als der Prosa.

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Ohnemusenküsse

„Wir saßen draußen auf den Feldern in der Sonne wie zwei Spatzen oben auf einer Telefonleitung, durch die nur angenehme Gespräche laufen.“

Günter Ohnemus: „Oh, But California“ in „Die letzten großen Ferien“. Maro, 1993

Die Spatzen sollten es längst von den Telefonleitungen pfeifen: Bei der hübschen Indiebookchallenge geht es darum, in jeder Woche des Jahres ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu lesen. Als ich gefragt wurde, die Patenschaft für eine Woche zu übernehmen, zögerte ich keine Sekunde, schlichtweg, weil ich ein großes Herz für die Kleinen habe. Mein Motto für die Woche von 4. August 2018 an lautet: „Lies ein Buch mit einer Illustration auf dem Umschlag.“ Et voilà, meine Empfehlung ist die Kurzgeschichtensammlung „Die letzten großen Ferien“ (Maro, 1993) von Günter Ohnemus.

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„À la minute, motherfucker“

„Im südlichen Niedersachsen liegt ein Wald, der Deister, darin stand ein Haus aus Sandstein, in dem früher der Förster gewohnt hatte und das durch eine Reihe von Zufällen und den Kredit einer Bank in den Besitz eines Ehepaares kam, das dort einzog, damit die Frau in Ruhe sterben konnte.“

Takis Würger: Der Club. Kein & Aber, 2017.

Spoiler-Alarm (1): Die Frau aus dem ersten Satz stirbt. Bald. Ob in Ruhe, das bleibt unklar, darf aber bezweifelt werden. Für Ruhe ist in Takis Würgers Debütroman kein Platz. Der Spiegel-Redakteur, Jahrgang 1985, erzählt dicht und schnell, dennoch mit Tiefe und Freude an Details und Sprachvariationen. Im Zentrum seiner multiperspektivischen Coming-of-Age’n’Crime-Story steht Hans. Der mutterlos (siehe erster Satz, siehe Frau) und ängstlich aufwachsende Außenseiter wird früh mit einer geheimnisvollen Mission konfrontiert: Der junge Mann, ein talentierter Boxer, soll spezielle Vorfälle in einem College-Club in Cambridge aufdecken. Seine Tante schleust ihn in die englischen Elite-Kreise ein, eine junge Studentin weist ihm den Weg. Der Weg ist steinig und dekadent, blutverschmiert und champagnergetränkt. Die Themen, darunter Rache und Machtgefälle, sind erschreckend aktuell, sie machen den Roman zum Buch der Stunde. Und wie der erste Satz schon erahnen lässt: Hier geht es, abgesehen von ein paar feinen Ablenkungsmanövern, gleich zur Sache. „À la minute, motherfucker“, wie Hans‘ Mitstudent Josh sagt. Spoiler-Alarm (2): Die Frau aus dem ersten Satz ist nicht die einzige Person, die stirbt. In Ruhe sowieso nicht.

Wiegeschritte zur Erleuchtung

„Es war ein strahlender Tag zu Beginn des Frühlings, sanft wie ein Weidenkätzchen, alles taute und schmolz, und die Jungvermählten fuhren in einem großen Truthahn quer durchs Land.“

Tom Robbins: Salomes siebter Schleier. Rowohlt, 1992 (im Original „Skinny Legs And All“, 1990).

Es gibt mehr als sieben Gründe, Tom Robbins als Schreibgott zu verehren. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man noch nicht einmal den alles verändernden Schleiertanz der Frau mit den Storchenbeinen erblickt haben, der in Robbins‘ fünftem Roman den einen oder anderen New Yorker der Erleuchtung ein paar Wiegeschritte näher bringt (wenn er oder sie nicht gerade vom Super Bowl-Spektakel abgelenkt wird). Seine Werke sind allzeit gut gelaunte, philosophisch besoffene, auf natürliche Art feministische, kindlich verspielte, rauschhaft kichernde, wortwitzig kreative, historisch ausufernde Geschichten-Purzelbäume über Liebe, Sex, Religion, Unsterblichkeit. Und wie das alles zusammenhängt. Vom Mikro- zum Makrokosmos, von einer Bohnendose zum Israel-Konflikt, von einer schmutzigen Socke zur universellen Gelassenheit – Robbins ist der grübelnde Clown im Lebenszirkus, ein idiot savant, das Grübchen im Gesicht der unbekannten Gottheit. Seine unerschöpfliche Freude an tollkühnen Metaphern, die sich schon mal über eine halbe Seite erstrecken, macht ihn zum Lehrmeister der Kreativitätstheorie, zum Floskelkiller des Immergleichen. Seine Ideen sind mitunter so verrückt, als stammten sie von bisexuellen Meistermusen auf LSD-Trip durch eine gewittrige Vollmondnacht. Weiterlesen

Hokuspokus Lokus

„Es ist das beste Plumpsklo in ganz Dakota.“
Tom Robbins: Sissy – Schicksalsjahre einer Tramperin. Rowohlt, 1981.

„Sie waren von England nach Minneapolis geflogen, um sich ein Klo anzuschauen.“
Nick Hornby: Juliet, Naked. Kiepenhauer & Witsch, 2009.

„Es fing an wie üblich, auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.“
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Fischer Taschenbuch, 2013.

Worin liegt nochmal der Reiz, eine große Geschichte an einem kleinen Ort zu beginnen? Einem stillen Örtchen, wie man sagt, das aber in aller Regel gar nicht so still ist? In WC-Stein gemeißelt scheint die Feststellung, dass erste Sätze mit Klo-Bezug häufiger den Weg vorbei an Chef-Lektoren und Schlussredaktionen in publizierte Bücher finden, als es blitzblanke Toiletten in Verlagshäusern gibt. Ob die Rechnung aufgeht, also 00 statt 0815? In obigen Beispielen sehr wohl. Diese Intros sind schön geformte Schlüssellöcher für die Voyeure in der Leserschaft. In der Hoffnung auf intime Einblicke in sprudelnde Figurenwelten, in die wir alsbald hineingespült werden, nähern wir uns Wort für Wort dem unbedingten Geschichtensog. Griff ins Klo? Keineswegs. Eher Hokuspokus Lokus.

Kein Wort zu viel, zu viel des Guten

„Mir geht es ein bisschen zu gut.“

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt, 2017.

Es tut zu gut, Ballast zu werfen. Kein Besitz, kein Gram, keine Theorien. Es tut zu gut, das Leben zu verdichten, es auf den Punkt zu bringen, nicht zu faseln. Zu gut, die Handlung eines Romans wegzumeißeln und an der Essenz zu feilen. An der Innenschau eines Mannes, der das Ende sieht und Musik wird. Kein Wort zu viel. Nur gedankengewordene Erfahrung. Es tut zu gut. Zu träumen genügt. Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt. Es tut zu gut, nur Sätze zu bauen, in denen es um alles geht. Sätze, die ein Kosmos sind. Der Makro- im Mikrokosmos. Es tut zu gut. Füllwörter ade. Servus, Ein- und Hinführung. Vergiss den Plot. Gedanken genügen. Unfassbar sein. Schweben. Und doch das Leben begreifen. Es tut zu gut. Ein zu guter, ein kluger, ein fordernder Roman. Eloquente Werbung für die Satzkunst oder: Das letzte Lächeln im Sonnenuntergangsleuchten.

Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit.

Fühl dich so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz.

Ich kenne keinen, den ich, wenn ich ihm sagte, es geht mir gut, nicht gegen mich einnähme.

Es ist schwer, sich einen Menschen, den man gut gekannt hat, tot vorzustellen, bloß weil er gestorben ist.

Erste Sätze über erste Sätze

„Ich weiß, gerade auf den ersten Seiten, ja, mit den ersten Absätzen, eigentlich schon mit dem ersten Satz einer solchen ,klassischen‘ Erzählung erwartet der Leser zu Recht ganz besonders niveauvolle Literatur, gelungene Formulierungen, einen unvergesslichen Einstieg in den feinen, nicht gerade billigen ,sprachlichen Gourmet-Happen‘, wie Kritiker so was manchmal nennen.“

Joachim Lottmann: Hotel Sylvia. Haffmanns & Tolkemitt, 2016.

Der Lottmann nun wieder. Der turtelt ja gern mit den Erzählformen, schreibt hin, was ihm gerade durch den Kopf mäandert, egal, was knurrende Romantheoretiker und Textdiktatoren so von sich geben. Auf diese Weise hat der munter gereifte Popliteraturpionier bereits herrlich absurde, unkonventionell schöne Einstiege vorgelegt. In seiner Novelle „Hotel Sylvia“, einer für seine Verhältnisse doch recht aufgeräumten Erzählung, manche sagen: Alterswerk, wählt er einen ganz besonderen Kniff: Die hohen Erwartungen an einen ersten Satz wortästhetisch zu thematisieren, ergibt womöglich selbst einen brauchbaren ersten Satz, so der Grundgedanke. Weiterlesen