Getagged: Literatur

Moll für Milliarden

„Leicht war es nicht, sechs Milliarden gebrochene Herzen auf einmal zu flicken, doch ich schaffte es.“

Joey Goebel: „Freaks“. Diogenes, 2007
(aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog)

Joey Goebel liebt das Spiel mit ersten Sätzen. In seinem Kurzroman über fünf Außenseiter, die sich in einem amerikanischen Kaff zur „Power-Pop-New-Wave-Heavy-Metal-Punk-Rock-Band“ vereinen, um gemeinsam grandios zu scheitern, treibt er das Spiel auf die Spitze. Denn der Köder, den der US-Meister der abseitgen Tragikomödie hier auslegt, ist so fulminant wie trickreich.

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Leidfaden zum Glück

„Tut mir leid, dass Du es ausgerechnet von mir erfährst, aber Du wirst nie glücklich sein.“

Joey Goebel: „Vincent“. Diogenes, 2005

Joey Goebel eröffnet seinen Debütroman mit einem Brief, den der Ich-Erzähler dem titelgebenden Jungen schrieb, als er sieben war. Einem Schüler diesen Satz zu widmen, ist heftig. Einen Roman mit diesem Satz zu beginnen, ist herrlich. Und genau aus diesem Spannungsfeld zwischen heftig und herrlich, zwischen Unglück und Glück, zieht der Schriftsteller die Kraft für seine Romane.

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Das pralle Leben im ersten Satz

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ 

Benedict Wells: „Hard Land“. Diogenes, 2021

Erste Sätze sind wie Dates. Sie können sich als Hochstapler entpuppen, als Langweiler oder Reinfälle, im besten Fall sind sie die Erfüllung schlechthin. Benedict Wells lässt seinen neuen Roman mit einem Satz beginnen, in dem die Essenz der Geschichte steckt, Plot und Spoiler zugleich. Denn darum geht’s in „Hard Land“, um den schönsten und schlimmsten Sommer, das pralle Leben im ersten Satz.

Wells liebt erste Sätze. Das verbindet ihn mit Kirstie, einer der Figuren seiner zauberhaften Coming-of-Age-Geschichte über einen jungen Außenseiter in Missouri 1985. Denn Kirstie, in die sich ebenjener Sam Hals über Kopf verknallt, sammelt Romananfänge, immer wieder tauscht sie sich mit Sam darüber aus. Einer beeindruckt den Ich-Erzähler ganz besonders, er stammt aus Charles Simmons‘ Roman „Salzwasser“ und lautet: „Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.“ Das wiederum bringt den Leser zu der Erkenntnis: Der erste Satz von „Hard Land“ ist ein Remix, und zwar ein dramaturgisch kluger. Da nämlich Sam Simmons‘ Zeile verehrt und nun seine Erinnerungen, die „Hard Land“ formal sind, mit einer Variation davon beginnt, steckt in Wells‘ Auftakt mehr als die Essenz der Geschichte: eine Extraportion Raffinesse.

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Multiple Höhepunkte

„Wie langweilig, denkt Edith in ihrer Hochzeitsnacht. So was stellt man sich doch ganz anders vor.“

Yvonne Hergane: „Die Chamäleondamen“. MaroVerlag, 2020

Erste Sätze sind wie Hochzeitsnächte. Die Erwartungen sind riesig, oft werden diese nicht erfüllt, aufgeben kommt nicht in Frage, zumindest nicht sofort, da will man gerne noch die darauffolgenden probieren, also Nächte und Sätze. Manchmal aber sind sie das Gegenteil von langweilig, da genießt man jede Silbe. Da wünscht man sich Kinder, mehr davon, im Gesicht ein entrücktes Grinsen. Von einem Höhepunkt zum nächsten, literarisch selbstverständlich, bringt einen Yvonne Hergane in ihrem Debütroman „Die Chamäleondamen“.

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Lieblingsbücher 2020

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2020 gelesen habe. Einige Autoren sind bereits im Museum der schönen Sätze vertreten, andere werden folgen. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher.

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Die beliebtesten Lieblingssätze 2019

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der spannendste Romananfang, die schönste Songzeile sowie die beliebtesten Fundstücke, die 2019 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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Lieblingsbücher 2019

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2019 gelesen habe. Eines davon hat es mit seinem ersten Satz ins Museum der schönen Sätze geschafft. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher.

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Wortkompositionen wie Arthousekopfkino

„Altvater Schuppenwurz wacht aus dem Stand weitflächig auf, streift pechdunkle Traumreste ab, die glitzern vor feuchten Kehrichtklumpen.“

Max Porter: „Lanny“. Kein & Aber, 2019

Altvater Schuppenwurz? Who the fuck is Altvater Schuppenwurz? Das Staunen im ersten Satz geht weiter. Weitflächiges Erwachen, pechdunkle Traumreste, Wortkompositionen wie Arthousekopfkino. Den einen mag der Formulierungsrausch verstören, den anderen betören wie magische Pilzpartys. Wer da kieselsteinklimpernd lockt, ihm in seine Geschichte über einen sagenhaften Gestaltenwandler, dessen Dorf und seine geschwätzigen Bewohner zu folgen, hinein in eine traumwandlerische Familiengeschichte zwischen Mythen und Moderne, ist Max Porter. Der Engländer, Jahrgang 1981, ist ein Prosapoet mit tief verwurzeltem Naturtalent, einer, der dem Gedicht immer ein paar Buchstaben näher ist als der Prosa.

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Die beliebtesten Lieblingssätze 2018

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der spannendste Romananfang, die schönste Songzeile sowie die beliebtesten Fundstücke, die 2018 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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Lieblingsbücher 2018

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2018 gelesen habe. Einige davon haben es mit ihren ersten Sätzen ins Museum der schönen Sätze geschafft. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher. Bonus: mein Fazit der Tom-Robbins-Festspiele „Robbins Reloaded 17/18“.

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