Getagged: Literatur

Multiple Höhepunkte

„Wie langweilig, denkt Edith in ihrer Hochzeitsnacht. So was stellt man sich doch ganz anders vor.“

Yvonne Hergane: „Die Chamäleondamen“. MaroVerlag, 2020

Erste Sätze sind wie Hochzeitsnächte. Die Erwartungen sind riesig, oft werden diese nicht erfüllt, aufgeben kommt nicht in Frage, zumindest nicht sofort, da will man gerne noch die darauffolgenden probieren, also Nächte und Sätze. Manchmal aber sind sie das Gegenteil von langweilig, da genießt man jede Silbe. Da wünscht man sich Kinder, mehr davon, im Gesicht ein entrücktes Grinsen. Von einem Höhepunkt zum nächsten, literarisch selbstverständlich, bringt einen Yvonne Hergane in ihrem Debütroman „Die Chamäleondamen“.

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Lieblingsbücher 2020

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2020 gelesen habe. Einige Autoren sind bereits im Museum der schönen Sätze vertreten, andere werden folgen. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher.

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Die beliebtesten Lieblingssätze 2019

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der spannendste Romananfang, die schönste Songzeile sowie die beliebtesten Fundstücke, die 2019 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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Lieblingsbücher 2019

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2019 gelesen habe. Eines davon hat es mit seinem ersten Satz ins Museum der schönen Sätze geschafft. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher.

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Wortkompositionen wie Arthousekopfkino

„Altvater Schuppenwurz wacht aus dem Stand weitflächig auf, streift pechdunkle Traumreste ab, die glitzern vor feuchten Kehrichtklumpen.“

Max Porter: „Lanny“. Kein & Aber, 2019

Altvater Schuppenwurz? Who the fuck is Altvater Schuppenwurz? Das Staunen im ersten Satz geht weiter. Weitflächiges Erwachen, pechdunkle Traumreste, Wortkompositionen wie Arthousekopfkino. Den einen mag der Formulierungsrausch verstören, den anderen betören wie magische Pilzpartys. Wer da kieselsteinklimpernd lockt, ihm in seine Geschichte über einen sagenhaften Gestaltenwandler, dessen Dorf und seine geschwätzigen Bewohner zu folgen, hinein in eine traumwandlerische Familiengeschichte zwischen Mythen und Moderne, ist Max Porter. Der Engländer, Jahrgang 1981, ist ein Prosapoet mit tief verwurzeltem Naturtalent, einer, der dem Gedicht immer ein paar Buchstaben näher ist als der Prosa.

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Die beliebtesten Lieblingssätze 2018

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der spannendste Romananfang, die schönste Songzeile sowie die beliebtesten Fundstücke, die 2018 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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Lieblingsbücher 2018

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2018 gelesen habe. Einige davon haben es mit ihren ersten Sätzen ins Museum der schönen Sätze geschafft. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher. Bonus: mein Fazit der Tom-Robbins-Festspiele „Robbins Reloaded 17/18“.

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Ohnemusenküsse

„Wir saßen draußen auf den Feldern in der Sonne wie zwei Spatzen oben auf einer Telefonleitung, durch die nur angenehme Gespräche laufen.“

Günter Ohnemus: „Oh, But California“ in „Die letzten großen Ferien“. Maro, 1993

Die Spatzen sollten es längst von den Telefonleitungen pfeifen: Bei der hübschen Indiebookchallenge geht es darum, in jeder Woche des Jahres ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu lesen. Als ich gefragt wurde, die Patenschaft für eine Woche zu übernehmen, zögerte ich keine Sekunde, schlichtweg, weil ich ein großes Herz für die Kleinen habe. Mein Motto für die Woche von 4. August 2018 an lautet: „Lies ein Buch mit einer Illustration auf dem Umschlag.“ Et voilà, meine Empfehlung ist die Kurzgeschichtensammlung „Die letzten großen Ferien“ (Maro, 1993) von Günter Ohnemus.

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„À la minute, motherfucker“

„Im südlichen Niedersachsen liegt ein Wald, der Deister, darin stand ein Haus aus Sandstein, in dem früher der Förster gewohnt hatte und das durch eine Reihe von Zufällen und den Kredit einer Bank in den Besitz eines Ehepaares kam, das dort einzog, damit die Frau in Ruhe sterben konnte.“

Takis Würger: Der Club. Kein & Aber, 2017.

Spoiler-Alarm (1): Die Frau aus dem ersten Satz stirbt. Bald. Ob in Ruhe, das bleibt unklar, darf aber bezweifelt werden. Für Ruhe ist in Takis Würgers Debütroman kein Platz. Der Spiegel-Redakteur, Jahrgang 1985, erzählt dicht und schnell, dennoch mit Tiefe und Freude an Details und Sprachvariationen. Im Zentrum seiner multiperspektivischen Coming-of-Age’n’Crime-Story steht Hans. Der mutterlos (siehe erster Satz, siehe Frau) und ängstlich aufwachsende Außenseiter wird früh mit einer geheimnisvollen Mission konfrontiert: Der junge Mann, ein talentierter Boxer, soll spezielle Vorfälle in einem College-Club in Cambridge aufdecken. Seine Tante schleust ihn in die englischen Elite-Kreise ein, eine junge Studentin weist ihm den Weg. Der Weg ist steinig und dekadent, blutverschmiert und champagnergetränkt. Die Themen, darunter Rache und Machtgefälle, sind erschreckend aktuell, sie machen den Roman zum Buch der Stunde. Und wie der erste Satz schon erahnen lässt: Hier geht es, abgesehen von ein paar feinen Ablenkungsmanövern, gleich zur Sache. „À la minute, motherfucker“, wie Hans‘ Mitstudent Josh sagt. Spoiler-Alarm (2): Die Frau aus dem ersten Satz ist nicht die einzige Person, die stirbt. In Ruhe sowieso nicht.