Getagged: Literatur

Wortkompositionen wie Arthousekopfkino

„Altvater Schuppenwurz wacht aus dem Stand weitflächig auf, streift pechdunkle Traumreste ab, die glitzern vor feuchten Kehrichtklumpen.“

Max Porter: „Lanny“. Kein & Aber, 2019

Altvater Schuppenwurz? Who the fuck is Altvater Schuppenwurz? Das Staunen im ersten Satz geht weiter. Weitflächiges Erwachen, pechdunkle Traumreste, Wortkompositionen wie Arthousekopfkino. Den einen mag der Formulierungsrausch verstören, den anderen betören wie magische Pilzpartys. Wer da kieselsteinklimpernd lockt, ihm in seine Geschichte über einen sagenhaften Gestaltenwandler, dessen Dorf und seine geschwätzigen Bewohner zu folgen, hinein in eine traumwandlerische Familiengeschichte zwischen Mythen und Moderne, ist Max Porter. Der Engländer, Jahrgang 1981, ist ein Prosapoet mit tief verwurzeltem Naturtalent, einer, der dem Gedicht immer ein paar Buchstaben näher ist als der Prosa.

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Die beliebtesten Lieblingssätze 2018

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der spannendste Romananfang, die schönste Songzeile sowie die beliebtesten Fundstücke, die 2018 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
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Lieblingsbücher 2018

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2018 gelesen habe. Einige davon haben es mit ihren ersten Sätzen ins Museum der schönen Sätze geschafft. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher. Bonus: mein Fazit der Tom-Robbins-Festspiele „Robbins Reloaded 17/18“.

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Ohnemusenküsse

„Wir saßen draußen auf den Feldern in der Sonne wie zwei Spatzen oben auf einer Telefonleitung, durch die nur angenehme Gespräche laufen.“

Günter Ohnemus: „Oh, But California“ in „Die letzten großen Ferien“. Maro, 1993

Die Spatzen sollten es längst von den Telefonleitungen pfeifen: Bei der hübschen Indiebookchallenge geht es darum, in jeder Woche des Jahres ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu lesen. Als ich gefragt wurde, die Patenschaft für eine Woche zu übernehmen, zögerte ich keine Sekunde, schlichtweg, weil ich ein großes Herz für die Kleinen habe. Mein Motto für die Woche von 4. August 2018 an lautet: „Lies ein Buch mit einer Illustration auf dem Umschlag.“ Et voilà, meine Empfehlung ist die Kurzgeschichtensammlung „Die letzten großen Ferien“ (Maro, 1993) von Günter Ohnemus.

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„À la minute, motherfucker“

„Im südlichen Niedersachsen liegt ein Wald, der Deister, darin stand ein Haus aus Sandstein, in dem früher der Förster gewohnt hatte und das durch eine Reihe von Zufällen und den Kredit einer Bank in den Besitz eines Ehepaares kam, das dort einzog, damit die Frau in Ruhe sterben konnte.“

Takis Würger: Der Club. Kein & Aber, 2017.

Spoiler-Alarm (1): Die Frau aus dem ersten Satz stirbt. Bald. Ob in Ruhe, das bleibt unklar, darf aber bezweifelt werden. Für Ruhe ist in Takis Würgers Debütroman kein Platz. Der Spiegel-Redakteur, Jahrgang 1985, erzählt dicht und schnell, dennoch mit Tiefe und Freude an Details und Sprachvariationen. Im Zentrum seiner multiperspektivischen Coming-of-Age’n’Crime-Story steht Hans. Der mutterlos (siehe erster Satz, siehe Frau) und ängstlich aufwachsende Außenseiter wird früh mit einer geheimnisvollen Mission konfrontiert: Der junge Mann, ein talentierter Boxer, soll spezielle Vorfälle in einem College-Club in Cambridge aufdecken. Seine Tante schleust ihn in die englischen Elite-Kreise ein, eine junge Studentin weist ihm den Weg. Der Weg ist steinig und dekadent, blutverschmiert und champagnergetränkt. Die Themen, darunter Rache und Machtgefälle, sind erschreckend aktuell, sie machen den Roman zum Buch der Stunde. Und wie der erste Satz schon erahnen lässt: Hier geht es, abgesehen von ein paar feinen Ablenkungsmanövern, gleich zur Sache. „À la minute, motherfucker“, wie Hans‘ Mitstudent Josh sagt. Spoiler-Alarm (2): Die Frau aus dem ersten Satz ist nicht die einzige Person, die stirbt. In Ruhe sowieso nicht.

Wiegeschritte zur Erleuchtung

„Es war ein strahlender Tag zu Beginn des Frühlings, sanft wie ein Weidenkätzchen, alles taute und schmolz, und die Jungvermählten fuhren in einem großen Truthahn quer durchs Land.“

Tom Robbins: Salomes siebter Schleier. Rowohlt, 1992 (im Original „Skinny Legs And All“, 1990).

Es gibt mehr als sieben Gründe, Tom Robbins als Schreibgott zu verehren. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man noch nicht einmal den alles verändernden Schleiertanz der Frau mit den Storchenbeinen erblickt haben, der in Robbins‘ fünftem Roman den einen oder anderen New Yorker der Erleuchtung ein paar Wiegeschritte näher bringt (wenn er oder sie nicht gerade vom Super Bowl-Spektakel abgelenkt wird). Seine Werke sind allzeit gut gelaunte, philosophisch besoffene, auf natürliche Art feministische, kindlich verspielte, rauschhaft kichernde, wortwitzig kreative, historisch ausufernde Geschichten-Purzelbäume über Liebe, Sex, Religion, Unsterblichkeit. Und wie das alles zusammenhängt. Vom Mikro- zum Makrokosmos, von einer Bohnendose zum Israel-Konflikt, von einer schmutzigen Socke zur universellen Gelassenheit – Robbins ist der grübelnde Clown im Lebenszirkus, ein idiot savant, das Grübchen im Gesicht der unbekannten Gottheit. Seine unerschöpfliche Freude an tollkühnen Metaphern, die sich schon mal über eine halbe Seite erstrecken, macht ihn zum Lehrmeister der Kreativitätstheorie, zum Floskelkiller des Immergleichen. Seine Ideen sind mitunter so verrückt, als stammten sie von bisexuellen Meistermusen auf LSD-Trip durch eine gewittrige Vollmondnacht. Weiterlesen