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Kleine Göttin, große Kunst

„Wer da im Bad von Zimmer 314 ein Kondom durchpikst, ist Bica (1,49 m; trinkt am liebsten einen Galao).“

Paul Mesa: Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit (2010). Rowohlt, 2011.

Wer da am Anfang von Roman 1 das Gummiband des Gewöhnlichen durchpikst, ist Paul (einskommairgendwas; trinkt am liebsten guten Espresso, wahlweise bei einem Buch oder einer schönen Aussicht). Paul heißt Mesa und nennt sich Waldscheidt. Stephan Waldscheidt. Unter diesem Pseudonym schreibt der geborene Saarbrücker und gelernte Texter Satiren, Glossen und Schreibratgeber.

In seinem Romandebüt zeigt Mesa, dass er nicht nur ein gründlicher Coach ist, sondern sein theoretisches Wissen auch exzellent selbst in die Praxis überführen kann. Schon der erste Satz ist bezaubernd. Und wirft mindestens sechs Fragen auf, auf deren Antworten hoffend, man selbstverständlich weiterliest: Wer ist Bica, warum heißt sie so und warum ist sie so klein? Weshalb nimmt sie Parisern ihre Existenzberechtigung, was treibt sie in einem Hotel, und was ist gleich noch mal ein Galao? Dass alle in der skurrilen Familienkomödie auftretenden Personen nach Größe und Lieblingsgetränk kategorisiert werden (in Klammern, wohlgemerkt), ist typisch für das charmante Buch um Flucht und Sucht nach Liebe, Kinderwunsch und Reiselust. Verblüffende Ideen gibt es hier zuhauf. Dass der Grafiker beim Kleinen Schloßhotel das „l“ vergessen hat, ist eine davon.

Lolitas Reiz

„Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.“

Vladimir Nabokov: Lolita (1955). Rowohl 1999.

Lo-li-ta. Da schnalzt die Zunge. Nicht nur die des lustfreudigen Literaturwissenschaftlers Humbert Humbert, den uns Vladimir Nabokov (1899 bis 1977) in seinem bekanntesten Roman als zweifelhaften, weil hebephilen Ich-Erzähler präsentiert. Auch der Leser freut sich über so einen li-la-lupenreinen Meisterbeginn. Ohne Verben kommt sie aus, diese feurige Eröffnung, die so vieles verspricht und wenig vermissen lässt. Klangmalerei, Alliteration, Rhythmik – Nabokov zieht alle Stilregister, und ähnlich macht er weiter: „Meine Sünde, meine Seele.“ Eine Anleitung zum Nachsprechen folgt sogleich: „Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne.“ Dritter Satz: erstklassig!

Der Roman um die sexuelle Beziehung von Humert Humbert zu der zwölfjährigen Dolores, die er Lo oder Lolita nennt, war selbstverständlich umstritten. Der Romananfang ist unumstritten. Unumstritten grandios.

Gonzo ganz groß

„Wir waren irgendwo bei Barstow am Rande der Wüste, als die Drogen zu wirken begannen.“

Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken in Las Vegas (1971). Goldmann, 1998.

Wie bei einem gottverdammten Drogenrausch die Wirklichkeiten, so vermischen sich beim Gonzo-Journalismus reale, autobiographische und fiktive Erlebnisse zu einem intensiven Ereignisnebel. Hunter S. Thompson (1937 bis 2005) hat diese hochgradig subjektive Form des New Journalism wenn nicht salon-, so doch zitierfähig gemacht. Der US-amerikanische Autor hat durch seine Exzentrik nicht nur den 1967  gegründeten „Rolling Stone“ auf Kurs gebracht („Alle eiern, einer rollt“). Mit „Fear And Loathing In Las Vegas“ hat er wenige Jahre später den Roman zum eigenen Stil geschrieben.

Eine Geschichte über Flucht und Scheitern, die radikal mit dem American Way Of Life abrechnet und mit Johnny Depp 1998 verfilmt wurde. Das erbarmungslos überdrehte Roadmovie um einen Sportreporter und seinen skurrilen Anwalt Dr. Gonzo basiert auf zwei Reisen, die Thompson 1971 nach Las Vegas unternommen hat. So schnell und betörend wie die Drogen bei den Protagonisten wirkt allein der erste Satz auf den Leser. Der Rest ist: Rausch.

Moses Mashup

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Die Bibel, Das Alte Testament, Die fünf Bücher Mose, Das Buch Genesis. Entstehungszeit unbekannt (Wissenschaftler spekulieren zwischen 1000 und 400 v. Chr.). Herder-Verlag, 1980.

Himmel, hilf! Hier nun haben wir einen ersten Satz, der vor Macht, Symbolik und Transzendenz nur so strotzt, der prägnant und forsch, dennoch locker-leicht daherkommt, als bekäme der Urknall eine Notiz im Vermischten; jedoch wissen wir nicht, wen wir für diesen göttlichen Beginn ein „Gefällt mir“ in seiner Facebook-Chronik hinterlassen dürfen. Wir wissen nichts. Der jüdischen und christlichen Tradition zufolge ist Mose der Autor des Pentateuchs, der das Alte Testament einleitet und von der Schöpfung bis bis zur Ansiedlung im gelobten Land Kanaan erzählt.

Wissenschaftler indes gehen beim ersten Buch Moses von einer mehrstufigen Entstehungsgeschichte mit verschiedenen Quellen und Überarbeitungen aus. Die Endredaktion des Textes wird auf frühestens 400 v. Chr. datiert. Ob nun vor dem Hintergrund dessen die Frage erlaubt sein darf, ob das Guttenbergsche Präzisionsverfahren älter ist, als alle annehmen? Moses Mashup? Lob der Heiligen Kopie? Himmel, hilf!

PS: Einen anderen Blickwinkel auf die Bibelereignisse gewährt Christopher Moore.

Frau und Vorurteil

„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.“

Jane Austen: Stolz und Vorurteil (1813). Manesse Verlag, 2003.

Frauen nun wieder könnten bekräftigen, dieser Satz birgt wirklich eine allgemein anerkannte Wahrheit in sich. Eine, die selbst dem Radiergummi der Zeit zu trotzen imstande ist. Ein schönes Vermögen braucht immer eine Frau – ob daran nun ein Junggeselle hängt oder ein fremder Ehemann, spielt keine Rolle. Solche Gedanken hatte Jane Austen (1775 bis 1817) freilich nicht, zumindest hat sie diese nicht der Nachwelt hinterlassen. Aber eine Vorliebe fürs Verballhornen von Mensch und Gesellschaft hatte die gebildete Britin durchaus. In einer scharfen Art und Weise, wie sie im frühen 19. Jahrhundert nicht zum gängigen Umgangston gehörte – egal ob Pub-Nase, Gentry- oder Adelsvertreter.

Schon deshalb ist Austen, die selbst nie heiratete und anfangs unter „By a lady“ veröffentlichte, eine der größten Autorinnen der Insel. Ihre Werke gehen weit über das oft belächelte Genre der „romantischen Liebesgeschichte“ hinaus und wirken bis heute nach. Mr Darcy zum Beispiel, dieses aus femininem Blickwinkel unbedingt anzuhimmelnde Mannsbild, hat nicht nur in Bridget Jones seine Renaissance erfahren. Er ist ewiges Sinnbild für den reichen wie begehrenswerten Schönschnösel. Frauen nun wieder.

Jetzt ist schon wieder Haas passiert

„Jetzt ist schon wieder was passiert.“

Wolf Haas: Der Knochenmann (1997). Rowohlt, 2006.

Wolf Haas, Jahrgang 1960, ist ein Meister des kreativen Erzählens, und ob du es glaubst oder nicht, aber der Österreicher hat einen ganz eigenen Stil gefunden. Leser-Duzer Hilfsausdruck. Berühmt gemacht haben Haas seine Brenner-Krimis, deren berühmter erster Satz vor allem deshalb so berühmt ist, weil er so unverschämt leicht daherkommt. Gleichzeitig lastet alles auf ihm: die Neugier, was genau wem passiert ist; die Spannung, welche Folgen das hat; der Wissensdurst, wer der Informant ist, der offensichtlich schon bei früheren Ereignissen Augenzeuge war.

Als zum siebten Mal schon wieder was passiert ist, schenkt uns der Autor eine neue Eröffnung. Und jetzt pass auf, die hat es ebenfalls in sich, weil das Plappermaul von Erzähler ja eigentlich im sechsten Band gestorben ist. Irgendwie dann aber doch nicht, wie sich in „Der Brenner und der liebe Gott“ herausstellt. Und im Interview, das ich einmal mit ebenjenem Erzähler führen durfte, machte er ebenfalls einen kreuzfidelen Eindruck. Überschäumend Hilfsausdruck. Über den Haas hatte er auch was zu berichten: Der sei, ob du es glaubst oder nicht, „ein blasses Bürscherl, das viel vor dem Computer sitzt. Und ein Interview nach dem anderen, das kann auch nicht gesund sein. Ich sage, so ein junger Mensch sollte auch einmal hinaus gehen, Sport, Mädchen, alles. Aber bitte, das muss er  selber wissen.“

Schillernde Verirrungen

„In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen.“

Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre (1786). Reclam, 1989.

Konflikt ist der Stoff, aus dem gute Geschichten sind. Das weiß jeder, der liest und jeder, der schreibt. Friedrich Schiller, der mit seiner berühmten Eröffnung Krimis und Schurkenstücken die Existenzberechtigung erteilt, wusste das selbstverständlich auch. Wenngleich man sich fragt, ob der blitzgescheite Dichter und Philosoph (1759 bis 1805), diese Supernova der Weimarer Klassik, sich selbst zu menschlichen Verirrungen hat hinreißen lassen? Es heißt, der Teeny-Schiller soll heimlich Tabak geschnupft und mit seinen Kumpels verbotene Schriften gelesen haben. Und dem Twen-Schiller wird nachgesagt, er soll sich aus der Karlsschule, wo er zunächst Recht, dann Medizin studierte, davongestohlen haben, ohne eine Urlaubsgenehmigung beantragt zu haben. Schiller wurde in Arrest gesteckt, später wurde dem jungen Dichter Festungshaft in Stuttgart angedroht. Es gab also durchaus Konflikte im Leben des Goethe-Freundes, zumal das Verhältnis der beiden Genies zunächst von Konkurrenz und Missgunst geprägt war.

„Der Verbrecher aus verlorenen Ehre“ ist eines der wenigen Erzählprosa-Stücken von Schiller, der sich mehr Ruhm als Dramatiker und Lyriker erschrieben hat. Ein Kriminalbericht auf wenigen Seiten, der auf einer wahren Geschichte beruhen soll. Eröffnet von einem schillernden Gedanken.

Nächte mit Hacke

„Nachts, wenn ich einsam bin, wenn mich die letzten Gesichter auf dem Fernsehschirm verlassen haben und weiße Krokodile sich langsam aus dem Spülstein schieben, setze ich mich gern ein wenig in die Küche und unterhalte mich mit dem Kühlschrank.“

Axel Hacke: Nächte mit Bosch (1991). dtv, 1994.

Wahrscheinlich tut man ihm unrecht. Aber angesichts der Tatsache, dass jemand mit Küchengeräten plaudert, noch dazu mit unterkühlten Exemplaren und in absoluter Dunkelheit, angesichts dessen muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Boschflüsterer noch alle Eiswürfel im Gefrierfach hat? Unbestritten ist, dass Axel Hacke nicht von dieser Autorenwelt ist. Wahrscheinlich wurde er von höher entwickelten Krokodilen anno 1956 mit der Mission in Braunschweig ausgesetzt, als Wortgott in Menschengestalt nach München zu ziehen, um hier zunächst der Deutschen Journalistenschule (DJS) und dann der Süddeutschen Zeitung die neue Ikone zu geben.

Denn was Hacke in die Tasten hackt, und das nun schon seit mehr als 30 Jahren, gleicht überirdischer Herrlichkeit. Der ehemalige Politikstudent ist Streiflichtgestalt und Reportagenkönig, Kolumnengott und Schönschriftsteller, Worterfinder und Satzfeiler. Dabei immer einer, der sich selbst nicht wichtiger nimmt als die Geschichte, die er erzählt. Wer so perfekt ist, der darf sich gerne nächtelang mit Kühlschränken unterhalten. Wenn’s hilft …

PS: In meiner eigenen Zeit an der DJS war mir Hacke stets ein großes Vorbild. Ein Gespräch mit meinem Kühlschrank (oder irgendeinem anderen) habe ich bis heute nicht hinbekommen.

Wie ein Satz Ihr Leben verändern kann

„Es gibt wenig, dem sich der Mensch mit größerer Hingabe widmet als dem Unglücklichsein.“

Alain de Botton: Wie Proust Ihr Leben verändern kann – Eine Anleitung (1997). Fischer Taschenbuch, 2000.

Also glücklich macht diese Eröffnung nicht. Eher unglücklich. Und während wir uns damit befassen, uns dem Sinn dieser Worte hinzugeben, merken wir, dass er Recht haben könnte, der Autor. Unglücklich geht immer. Ein Klassiker der Leidenschaften.

Alain de Botton hat oft Recht. Der 1969 in Zürich geborene Schriftsteller hat Philosophie studiert, ehe er sich beherzt auf komplizierte Themen stürzte, um sie vereinfacht darzustellen. Zum Beispiel Marcel Proust. Der berühmteste Sucher der verlorenen Zeit verlangt seinen Lesern bekanntlich viel ab, Geduld vor allem, hat doch allein der erste Teil seines Sieben-Bände-Zyklus 564 Suhrkamp-Seiten. Alain de Botton destilliert daraus ein Ratgeberbuch. Und beantwortet Fragen wie: Wie man das Leben liebt. Wie man erfolgreich leidet. Wie man sehen lernt. Und so weiter. Ganz im Sinne des französischen Stubenhockers. Der widmete sich gerne dem Unglücklichsein. Und schuf Sätze, die Leben verändern können. Und glücklich machen.

Lob für Lodge

„Der hochgewachsene Mann mit grauem Haar und Brille, der am Rand der Menge im Hauptraum der Galerie steht und sich tief zu der jungen Frau in der roten Seidenbluse hinunterbeugt, den Kopf zur Seite geneigt, weise nickend und hin und wieder phatisch murmelnd, ist nicht, wie man denken könnte, ein Priester außer Dienst, den sie dazu überreden konnte, ihr inmitten einer Party die Beichte abzunehmen, oder ein Psychiater, dem sie eine kostenlose Beratung abgeschwatzt hat; Zweck der Übung ist es auch nicht, ihm einen besseren Einblick in ihr Dekolleté zu verschaffen, obgleich das ein willkommener – leider auch der einzige – Bonus ist, der in seiner derzeitigen Situation für ihn herausspringt.“

David Lodge: Wie bitte? (2008). Heyne, 2010.

Wie bitte? Das soll ein Satz sein? In der Tat: Der Einstieg in David Lodges gleichnamigen Roman schlängelt sich an allerlei Satzzeichen vorbei – Kommas, Semikolons, Gedankenstriche -, ehe der erlösende Punkt erreicht ist. Erlösend ist freilich relativ, denn eine Qual ist der Satz nicht, und wenn, dann eine schöne. Lodge, Jahrgang 1935, versteht es meisterlich und rhythmisch sauber, allerlei Köder auszulegen und seidenblusenschlüpfrige Reizworte einzustreuen, während er seine lebenskluge Geschichte über die Leiden des schwerhörigen Linguistikprofessors Desmond Bates beginnt.

Später wird der Leser erfahren, dass es nicht der allwissende Erzähler ist, der hier auftrumpft, sondern die Hauptfigur selbst, die einige ihrer Erlebnisse in distanzierter Form skizziert, um literarisch in Form zu bleiben. Das bedeutet Lesefreude auf mehreren Ebenen. Lob für Lodge, den Meister des britischen Universitätsromans.