Getagged: Literatur
Kraftvoll bis zum Sch(l)uss
„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“
Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 2014.
Es ist dies sein letzter erster Satz. Ein gehaltvoller, die Dinge zurechtrückender erster Satz. Sein letzter, wie gesagt: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 in Berlin das Leben genommen, genauer: Er hat seinen Hirntumor abgeknallt, der ihm das Leben nehmen wollte. „Bilder deiner großen Liebe“ hat er nicht vollenden können, die Spin-Off-Geschichte zu seinem Bestseller Tschick bleibt für immer ein unvollendeter Roman. Einer, der von Isa handelt, jenem verrückten und ganz und gar nicht bescheuerten Mädchen, das bereits in „Tschick“ einen denkwürdigen Auftritt hatte und sich hier auf eine intensive Wanderschaft durch die Natur und die Welt wundersamer Menschen macht. Der Roman mag unvollendet sein, hier und da in sich widersprüchlich, doch ist er weit mehr als ein Fragment oder ein „kaputtes“ Werk, wie im Anhang notiert ist. Herrndorfs Sprachkraft, seine wütende Poesie, sein Gespür für raue Randfiguren und deren Lebenssound dürfen noch einmal hitzig aufflackern. Dann der finale Schuss. Sein letztes letztes Wort: „Waffe“.
Mein Freund, der Braum
„Es war der zweite Frühlingstag des Jahres, der 4. März 2013, als Stephan Braum einen jungen Mann traf, der sein Leben – wenn das, was er bis dahin würgend dahingestottert hatte, Leben genannt werden kann – auf den Kopf stellte.“
Joachim Lottmann: Endlich Kokain. KiWi, 2014.
Auch ein Buchrücken kann entzücken. Vor allem einer, auf dem groß und fett wie der Protagonist der Geschichte zwischen filigraner Handschriftimitation die Worte protzen: „ES KOMMEN DROGEN, SEX UND ABENTEUER.“ Aber ja, das macht neugierig. Ein bisschen schade ist es aber auch, dass durch die überaus präzise Vorausdeutung der erste Satz des Romans – ein geschickt gebautes Ködernest – an Zauberkraft verliert, weil die Phantasie gerade mit Vögeln auf Koks davonfliegt. Gleichwohl darf man sich nach dieser Eröffnung auf eine ungeheuerliche Wandlung eines Mannes namens Braum gefasst machen. Eines ausgebrannten Medienkolosses und Vollzeitspießers, dessen Kokaindiät ihm neues Leben schenkt – mit Anerkennung, Frauen und allem Pipapo. Sogar mit Glück. Joachim Lottmanns zynische Satire ist eine rauschhafte Abrechnung mit völlig überdrehten Künstler-, Politiker-, Vip- und Medienkreisen in Wien, Berlin und überall. Das Beste aber ist: Den Kater danach braucht man nicht zu fürchten. Der fällt aus, das steht fest wie die Anziehungskraft des Buchrückens.
Die größere Kunst der Welt
„Es fing an wie üblich, auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.“
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Fischer Taschenbuch, 2013.
Erste Sätze mit Toilette: Griff ins Klo oder Hochglanzpolitur? Sofern sie raffiniert gestrickt sind wie Jennifer Egans Einstieg oder der von Nick Hornby in Juliet, Naked, funktionieren sie bestens. Als Schlüsselloch für den Voyeur in uns, als Lockstoff für Neugierige, die wissen wollen, was in besagtem WC so vor sich geht, und warum „wie üblich“. Der Leser folgt, in diesem Fall garantiert, und ehe er sich’s versieht, ist er bereits hineingesogen in den Strudel einer Geschichte, die von Mikro- zu Makrokosmos, von San Francisco nach Südafrika, vor und zurück durch die vergangenen Jahrzehnte springt, dass einem ganz schwindelig wird. Das liegt an der großen Erzählkunst der New Yorker Autorin und Journalistin, Jahrgang 1962, die für ihr Meisterwerk (im Original: „A Visit from the Goon Squad“) 2011 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Es geht um den Wandel der Musikbranche, die Facetten der Liebe, die Beständigkeit der Freundschaft, um Ideale, Träume und Verrat. Vor allem aber ist der Gesellschaftsroman ein Buch über die Zeit. Über das Verrinnen der Zeit und die Furchen, die sie dabei gräbt. Weiterlesen
Schwärmen übers Schwätzen
„Da wurde einer umgebracht, was an sich schon blöd genug ist.“
Verena Roßbacher: Schwätzen und Schlachten. KiWi, 2014.
Verena Roßbacher hat ihr zweites Buch veröffentlicht, und erneut mischt die junge Österreicherin die Spickzettel mit den Regeln des Romanschreibens so wild durcheinander, dass die darauf notierten Gedankenstützen ins Taumeln geraten, sich aufeinander übergeben, infolgedessen auf den Papieren nichts mehr zu entziffern ist, weshalb sich die Autorin aufs Improvisieren verlassen muss. Das Ergebnis ist ein experimentelles Wortfest auf 631 Seiten, zerstückelt in 139 (!) Kapitel, an dem auch die Schriftstellerin und ihr Lektor Olaf teilnehmen, indem sie sich regelmäßig in die Handlung hineinschieben und über die Begehrlichkeiten des „lieben Lesers“ streiten. Weiterlesen
Zufallstudie
„Oha!“
Heinrich Steinfest: Der Allesforscher. Piper, 2014.
Heinrich Steinfest hat den Kürzesten. Den kürzesten ersten Satz, der im Museum der schönen Sätze präsentiert wird. Bis dato. Nun könnte man nörgeln, mit so einem „Oha!“ ließe sich jeder x-beliebige Roman eröffnen, reißerisch um Aufmerksamkeit buhlend und geradezu comicartig banal. Die Kunst des ersten Satzes, wie sie das Museum hegt, besteht jedoch darin, dass sich in ihm die ganze Geschichte spiegelt, und müsste man Heinrich Steinfests „Allesforscher“ in einem Wort zusammenfassen, wäre „Oha!“ nicht der schlechteste Versuch. Weiterlesen
Käptn Pengs wahre Lügen
„Dieser Satz ist eine Lüge.“
Robert Gwisdek: Der unsichtbare Apfel. KiWi, 2014.
Dieser Satz ist ein Paradoxon. Und zwar ein besonders hinterlistiges. Denn wenn die Behauptung der Lüge gelogen ist, dann umkreist der Satz eine Wahrheit, oder nicht? Wegen Gedankenirrwegen wie diesen zählt die Formulierung zu den absoluten Lieblingssätzen von Robert Gwisdek. Dass der Realitätsrüttler aus Berlin nicht nur philosophische Hip-Hop-Miniaturen beherrscht, sondern auch in der Königsdisziplin Roman eine formidable Figur macht, bekräftigt er mit seinem irrwitzigen Debüt „Der unsichtbare Apfel“.
Darin präsentiert der 30-Jährige einen Jungen, der sich Igor nennt (in dem Namen seines Protagonisten sollten die 1 und die 0 sowie die Initialen des Autors enthalten sein); ein Wunderkind, das Kreise liebt und die Endlichkeit anzweifelt. Mit Wortwucht und schelmischer Freude am Experimentieren schildert Gwisdek Igors Reise aus der Realität, die wir normal nennen; spinnt eine Geschichte mit Perspektiven- und Weltenwechseln, die gespickt ist mit Rätseln und Symbolen. „Der unsichtbare Apfel“ ist eine Parabel auf das reine Bewusstsein, auf die Überwindung von Gedanken und Formen. Dass der Autor seinem wahnsinnigen Ritt eine scheinbare Lüge als Intro voranstellt, passt exzellent ins Konzept. Zumal er im zweiten Intro auf der nächsten Seite das Gegenteil nachreicht: „Dieser Satz ist wahr.“ Zur (kurzzeitigen) Entspannung des Lesers präsentiert er uns einen offiziellen ersten Satz, der vergleichsweise harmlos daherkommt: „Igor war ein unkonzentriertes Kind.“
Hier geht’s zum Interview, das ich mit Robert Gwisdek für die SZ geführt habe.
Lieblingsgäste (12): Stefanie Herzog
In der Sammlung „Lieblingsgäste“ kommen die Besucher zu Wort und präsentieren ihre Lieblingssätze aus Literatur und Pop. Im zwölften Teil entführt uns Stefanie „Stuffi“ Herzog in ihre musikreiche Welt. Deutschsprachige Autoren, Songwriter und Bands geben hier den Ton an, darunter Nagel, Kettcar und Sven Regener. Stuffi selbst schreibt für das Indie-Magazin „Schallhafen“, wo sie als „Genie in allen Ablenkungs-Angelegenheiten“ vorgestellt wird. Ferner heißt es, die Autorin sei „musikverehrend“ und „ollischulzvergötternd“.
Die beliebtesten Lieblingssätze 2013
Die Lieblingssätze des Jahres stehen fest. Zur Wahl standen die sieben beliebtesten Romananfänge und Songzeilen, die es 2013 ins Museum der schönen Sätze geschafft haben. Bis zum 6. Januar 2014 haben mehr als 100 Leser abgestimmt. Überraschung (oder auch nicht): Ein Autor konnte sich gleich zwei Mal weit oben in der Liste platzieren. Weiterlesen
Mit Gatsby ins Gestern
„So kämpfen wir uns voran wie Schiffe gegen die Strömung, unaufhörlich zurück ins Vergangene getrieben.“
F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby. dtv, 2013 (ursprünglich erschienen 1925).
Es gibt Romane, da steckt die Essenz der Geschichte nicht im ersten, sondern im letzten Satz. „Der große Gatsby“ ist so einer. Fitzgeralds genau komponierte und noch genauer formulierte Gesellschaftssatire über den geheimnisumwitterten Emporkömmling Gatsby. Mehrmals verfilmt, zuletzt visuell berauschend von Baz Luhrmann (siehe Video unten), aber niemals erreicht: die Erzählung über eine verlorene Seele in den Roaring Twenties von New York, einen Mann, der alles dafür tut, das verflogene Glück mit seiner großen Liebe zu rekonstruieren. „Man kann die Vergangenheit nicht wiederholen?“, fragt Gatsby einmal, „wieso nicht? Natürlich kann man das!“ Natürlich kann man das nicht. Der alte Junge scheitert und geht daran zugrunde. Doch die letzten Worte des Erzählers Nick Carraway bleiben. Wie die Strömung der Erinnerung.
Womit die neue Sammlung im Museum der schönen Sätze eröffnet sei: „Letzte Sätze“.
Lieblingsbücher 2013
- Einzlkind: Harold
- Einzlkind: Gretchen
- F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby
- David Nicholls: Keine weiteren Fragen
- Danny Wallace: Auf den ersten Blick
- Oliver Uschmann: Erdenrund
- Ralf Husmann: Nicht mein Tag
- Murmel Clausen: Frettsack
- Murmel Clausen: Frettnapf
- Hubertus Meyer-Burckhardt: Die Kündigung
Außer Konkurrenz, gleichwohl die größten Herzensangelegenheiten: die Romandebüts von meiner Liebsten und mir.
- Alexandra Pilz: Zurück nach Hollyhill
- Bernhard Blöchl: Für immer Juli

Schöne Bescherung: die zwei für mich wichtigsten Romandebüts 2013
(danke an Katja für das wunderbare Foto!)