Getagged: Erste Sätze

Wiegeschritte zur Erleuchtung

„Es war ein strahlender Tag zu Beginn des Frühlings, sanft wie ein Weidenkätzchen, alles taute und schmolz, und die Jungvermählten fuhren in einem großen Truthahn quer durchs Land.“

Tom Robbins: Salomes siebter Schleier. Rowohlt, 1992 (im Original „Skinny Legs And All“, 1990).

Es gibt mehr als sieben Gründe, Tom Robbins als Schreibgott zu verehren. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man noch nicht einmal den alles verändernden Schleiertanz der Frau mit den Storchenbeinen erblickt haben, der in Robbins‘ fünftem Roman den einen oder anderen New Yorker der Erleuchtung ein paar Wiegeschritte näher bringt (wenn er oder sie nicht gerade vom Super Bowl-Spektakel abgelenkt wird). Seine Werke sind allzeit gut gelaunte, philosophisch besoffene, auf natürliche Art feministische, kindlich verspielte, rauschhaft kichernde, wortwitzig kreative, historisch ausufernde Geschichten-Purzelbäume über Liebe, Sex, Religion, Unsterblichkeit. Und wie das alles zusammenhängt. Vom Mikro- zum Makrokosmos, von einer Bohnendose zum Israel-Konflikt, von einer schmutzigen Socke zur universellen Gelassenheit – Robbins ist der grübelnde Clown im Lebenszirkus, ein idiot savant, das Grübchen im Gesicht der unbekannten Gottheit. Seine unerschöpfliche Freude an tollkühnen Metaphern, die sich schon mal über eine halbe Seite erstrecken, macht ihn zum Lehrmeister der Kreativitätstheorie, zum Floskelkiller des Immergleichen. Seine Ideen sind mitunter so verrückt, als stammten sie von bisexuellen Meistermusen auf LSD-Trip durch eine gewittrige Vollmondnacht. Weiterlesen

Die beliebtesten Lieblingssätze 2017

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: die besten Songzeilen und die besten Fundstücke, die 2017 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
Weiterlesen

Hokuspokus Lokus

„Es ist das beste Plumpsklo in ganz Dakota.“
Tom Robbins: Sissy – Schicksalsjahre einer Tramperin. Rowohlt, 1981.

„Sie waren von England nach Minneapolis geflogen, um sich ein Klo anzuschauen.“
Nick Hornby: Juliet, Naked. Kiepenhauer & Witsch, 2009.

„Es fing an wie üblich, auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.“
Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Fischer Taschenbuch, 2013.

Worin liegt nochmal der Reiz, eine große Geschichte an einem kleinen Ort zu beginnen? Einem stillen Örtchen, wie man sagt, das aber in aller Regel gar nicht so still ist? In WC-Stein gemeißelt scheint die Feststellung, dass erste Sätze mit Klo-Bezug häufiger den Weg vorbei an Chef-Lektoren und Schlussredaktionen in publizierte Bücher finden, als es blitzblanke Toiletten in Verlagshäusern gibt. Ob die Rechnung aufgeht, also 00 statt 0815? In obigen Beispielen sehr wohl. Diese Intros sind schön geformte Schlüssellöcher für die Voyeure in der Leserschaft. In der Hoffnung auf intime Einblicke in sprudelnde Figurenwelten, in die wir alsbald hineingespült werden, nähern wir uns Wort für Wort dem unbedingten Geschichtensog. Griff ins Klo? Keineswegs. Eher Hokuspokus Lokus.

Kein Wort zu viel, zu viel des Guten

„Mir geht es ein bisschen zu gut.“

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt, 2017.

Es tut zu gut, Ballast zu werfen. Kein Besitz, kein Gram, keine Theorien. Es tut zu gut, das Leben zu verdichten, es auf den Punkt zu bringen, nicht zu faseln. Zu gut, die Handlung eines Romans wegzumeißeln und an der Essenz zu feilen. An der Innenschau eines Mannes, der das Ende sieht und Musik wird. Kein Wort zu viel. Nur gedankengewordene Erfahrung. Es tut zu gut. Zu träumen genügt. Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt. Es tut zu gut, nur Sätze zu bauen, in denen es um alles geht. Sätze, die ein Kosmos sind. Der Makro- im Mikrokosmos. Es tut zu gut. Füllwörter ade. Servus, Ein- und Hinführung. Vergiss den Plot. Gedanken genügen. Unfassbar sein. Schweben. Und doch das Leben begreifen. Es tut zu gut. Ein zu guter, ein kluger, ein fordernder Roman. Eloquente Werbung für die Satzkunst oder: Das letzte Lächeln im Sonnenuntergangsleuchten.

Es wird doch wohl auf dem Papier etwas anderes passieren dürfen als in der Wirklichkeit.

Fühl dich so unwichtig, wie du bist. Wenn dir das gelingt, darfst du bersten vor Stolz.

Ich kenne keinen, den ich, wenn ich ihm sagte, es geht mir gut, nicht gegen mich einnähme.

Es ist schwer, sich einen Menschen, den man gut gekannt hat, tot vorzustellen, bloß weil er gestorben ist.

In eigener Sache: neuer Roman erschienen

Am Ende des Regenbogens beginnen die Probleme.
(erster Satz aus Bernhard Blöchl: Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint, Piper 2017)

Das Museum der schönen Sätze freut sich, vermelden zu dürfen, dass der zweite Roman seines Kurators Bernhard Blöchl soeben erschienen ist. Sein Name: Im Regen erwartet niemand, dass dir die Sonne aus dem Hintern scheint (Piper). Die frühsommerliche Roadnovel ist eine Tragikomödie über die verpassten Chancen des Lebens und seine wetterwendischen Launen. Eine verspielte Carpe-diem-Variation mit multiplen Enden. Eine Hymne auf Schottland, auf Wuppertal und nicht zuletzt: auf die große Liebe.

Er will nichts mehr vom Leben. Sie will alles. Knoppke sucht Einsamkeit. Sam sucht Gesellschaft. Trotzdem fahren sie gemeinsam in die Highlands. Dort finden sie vieles, nur nichts von dem, was sie erwartet haben … Weiterlesen

Die beliebtesten Lieblingssätze 2016

Hurra und Tusch, die Lieblingssätze des Jahres stehen fest: der beste Romananfang und die besten Fundstücke, die 2016 im Museum der schönen Sätze dokumentiert beziehungsweise auf Facebook diskutiert wurden. Die Platzierung ergibt sich aus den Bewertungen in den Social-Media-Kanälen und im Blog. Vielen Dank an dieser Stelle für das motivierende Feedback und den regen Austausch der Museumsbesucher, Facebook-Fans und Twitter-Follower. Auf ein neues Jahr voller inspirierender Wörterminiaturen!
Weiterlesen

Erste Sätze über erste Sätze

„Ich weiß, gerade auf den ersten Seiten, ja, mit den ersten Absätzen, eigentlich schon mit dem ersten Satz einer solchen ,klassischen‘ Erzählung erwartet der Leser zu Recht ganz besonders niveauvolle Literatur, gelungene Formulierungen, einen unvergesslichen Einstieg in den feinen, nicht gerade billigen ,sprachlichen Gourmet-Happen‘, wie Kritiker so was manchmal nennen.“

Joachim Lottmann: Hotel Sylvia. Haffmanns & Tolkemitt, 2016.

Der Lottmann nun wieder. Der turtelt ja gern mit den Erzählformen, schreibt hin, was ihm gerade durch den Kopf mäandert, egal, was knurrende Romantheoretiker und Textdiktatoren so von sich geben. Auf diese Weise hat der munter gereifte Popliteraturpionier bereits herrlich absurde, unkonventionell schöne Einstiege vorgelegt. In seiner Novelle „Hotel Sylvia“, einer für seine Verhältnisse doch recht aufgeräumten Erzählung, manche sagen: Alterswerk, wählt er einen ganz besonderen Kniff: Die hohen Erwartungen an einen ersten Satz wortästhetisch zu thematisieren, ergibt womöglich selbst einen brauchbaren ersten Satz, so der Grundgedanke. Weiterlesen

Wann ist ein man ein Mann?

„An dem Abend, an dem drüben in Amerika die Challenger über Cape Canaveral explodiert, liegt man zum ersten Mal mit einem Mädchen im Bett.“

Thomas Glavinic: Wie man leben soll. dtv, 2004.

An dem Abend, an dem drüben in Sachsen-Anhalt der Prozentbalken der AfD explodiert, bekommt man zum ersten Mal ein Buch von Thomas Glavinic in die Hand. Ein Freund hat es einem empfohlen, und da man seit Jahren eine unbändige Lust an österreichischen Wortkünstlern verspürt, lässt man sich auf das Abenteuer ein. Abenteuer deshalb, weil der preisdekorierte Grazer in seinem gescheiten Coming-of-Age-Schelmenstück eine Erzählform wählt, für die Autoren in der Regel nur eines übrig haben: Nase rümpfen nämlich. Man kann es sich nicht vorstellen, wie der das durchhalten soll, immer nur von man zu schreiben. Man will es sich nicht vorstellen, doch schnell sieht man ein: Diese Manhaftigkeit in Anlehnung an orientierungsfördernde Lebensratgeber lässt man sich gerne gefallen. Und folgt Charly Kolostrum, diesem dicklichen Außenseiter mit Brille und Problemfamilie, durch sein junges, von Frauen und viel mehr Ahnungslosigkeit bestimmtes Daseinsexperiment.   Weiterlesen

Im Anfang das Ende, im Ende ein Anfang

„Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes, 2016.

Im ersten Satz zweimal vom Ende zu schreiben, vom Ende aller Enden noch dazu, kommt einem Befehl zum Weiterlesen gleich. Hier bewegt sich einer in einer Zwischenwelt, dem Tod so nah, zu jeder Zeit. Und doch am Leben, immer noch. Wer ist dieser Mann, der einen Motorradunfall gerade so überlebt hat und nun zurückblickt bis zur Kindheit, dem Moment, als er zur Waise wurde? „Vom Ende der Einsamkeit“ heißt der Roman, ein Drama voller Schwere, erstaunlich leichtfüßig erzählt. So melancholisch und traurig und doch voller Hoffnung. Weiterlesen