Risse zur Erleuchtung

„There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“

Leonard Cohen: „Anthem“, auf: The Future (1992).

Einen Weisheitssatz wie diesen in ein Liedlein zu packen, ist eine dumme  kühne Idee. Zu leicht wird er überhört, zu wenig darüber nachgedacht. Aber was soll er machen, der Leonard Cohen? Die Ursprünge seines Schaffens liegen im Schreiben, er war Dichter und Schriftsteller, bevor er sich in der Musik verlor. Als Singer-Songwriter bringt Cohen beides zusammen: gehaltvolle Gedanken und markante Melodien. Da zieren Zeilen seine zerrissenen Folksongs, von denen musenresistente Kollegen ihr Leben lang träumen. Sätze wie dieser: „I’ve seen the future, it’s a murder.“

Was die Sache mit dem Riss und dem Licht betrifft, so sei dies durchaus ein fröhlicher Gedanke, erklärte der Kanadier in einem Interview, allerdings nur für jene, die imstande sind, die Wahrheit zu genießen. Die Wahrheit, dass alles Irdische einmal zerbricht, um dem Neuen den Weg zu bahnen. Wer kennt schon die Liebe, dessen Herz noch nie gebrochen wurde? Und ist es nicht Enttäuschung, die häufig zur Erkenntnis führt? Wer länger darüber nachdenkt, was zwischen den Worten alles schlummert, der verpasst den Song. Das ist der Preis für gute Texte: Sie sind Einladungen zum Gedankentanz zu einer flüchtigen Musik.

Geschüttelt, nicht gerührt

„When you take me in your arms and talk romance, my heart starts doin‘ that Saint Vitus dance.“

Jack White: „I’m Shakin'“ (0:41), auf: Blunderbuss (2012).

Die einen machen es sich leicht. Sie schreiben und singen von klopfenden wahlweise pochenden Herzen, um den Rausch des Verliebtseins in Worte zu fassen. Andere hüpfen neue Wege. Sie schreiben und singen von Herzen, die geschüttelt werden wie Tänzer, die sich zu Ehren des Heiligen Vitus ins Zeug legen und den Saint-Vitus-Dance zelebrieren. Die einen sind Alltagspoeten, von denen es leider viel zu viele gibt; andere lassen Buchstaben tanzen und zaubern mit der Kraft des Besonderen.

Zu letzteren gehört Jack White, Jahrgang 1975. Den meisten ist der Detroiter als stimmgewaltige männliche Hälfte der White Stripes bekannt. Inzwischen schickt er sich alleine an, dem simplen Blues neue Facetten abzugewinnen. Mit Erfolg. Der Motor seines Schaffens ist Leidenschaft. Die treibt ihn an, das Pure zu destillieren und frisch zu vertonen. Und die ist es auch, die ihn als Texter außergewöhnlich macht. Weil er sich nicht mit dem Erstbesten begnügt. Eine Tugend, die sich Schreiber aller Genres zu Herzen nehmen sollten: Tanzt den Saint-Vitus-Dance, ihr Autoren, und schüttelt euch Originelles aus den Fingern.

PS: Dass es sich im konkreten Fall um eine Coverversion handelt, sollte freilich nicht verschwiegen werden. So geht der Song ursprünglich auf Rudolph Toombs (gestorben 1962) zurück, der „I’m Shakin'“ für den R’n’B-Sänger Little Willie John geschrieben hatte.

Lieblingssätze in der Federwelt

Hurra, die geschätzten Kollegen schreiben über uns! In der aktuellen Ausgabe der Federwelt heißt es, eingebettet in einer Beitrag darüber, wie man einen wirkungsvollen Anfang schreibt:

 

„Lassen Sie sich inspirieren vom Museum der schönen Sätze … Mit seinem Museum der schönen Sätze hat der Autor und Redakteur aus München einen Ort geschaffen, an dem einzelne Sätze groß herauskommen … Unter Lieblingssaetze.de finden Sie meisterhafte Sätze aus aller Welt. Blöchl hat sie ausgewählt und kommentiert … Toll ist, dass er auch Werke und Autoren in der Literaturlandschaft verortet.“

Den kompletten Artikel kann man hier nachlesen. Herzlichen Dank!

Die Federwelt ist die Zeitschrift für Autorinnen und Autoren. Sie erscheint sechsmal pro Jahr im Uschtrin-Verlag, München.

Moses Mashup

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Die Bibel, Das Alte Testament, Die fünf Bücher Mose, Das Buch Genesis. Entstehungszeit unbekannt (Wissenschaftler spekulieren zwischen 1000 und 400 v. Chr.). Herder-Verlag, 1980.

Himmel, hilf! Hier nun haben wir einen ersten Satz, der vor Macht, Symbolik und Transzendenz nur so strotzt, der prägnant und forsch, dennoch locker-leicht daherkommt, als bekäme der Urknall eine Notiz im Vermischten; jedoch wissen wir nicht, wen wir für diesen göttlichen Beginn ein „Gefällt mir“ in seiner Facebook-Chronik hinterlassen dürfen. Wir wissen nichts. Der jüdischen und christlichen Tradition zufolge ist Mose der Autor des Pentateuchs, der das Alte Testament einleitet und von der Schöpfung bis bis zur Ansiedlung im gelobten Land Kanaan erzählt.

Wissenschaftler indes gehen beim ersten Buch Moses von einer mehrstufigen Entstehungsgeschichte mit verschiedenen Quellen und Überarbeitungen aus. Die Endredaktion des Textes wird auf frühestens 400 v. Chr. datiert. Ob nun vor dem Hintergrund dessen die Frage erlaubt sein darf, ob das Guttenbergsche Präzisionsverfahren älter ist, als alle annehmen? Moses Mashup? Lob der Heiligen Kopie? Himmel, hilf!

PS: Einen anderen Blickwinkel auf die Bibelereignisse gewährt Christopher Moore.

Ostermaiers Maiandacht

„Immer wieder, wenn es Mai wird, die Gräser blühen, die Hormone sich labbadiaesk ,hochsterilisieren‘, wenn Madrid in Italien liegt, die Torkanonen auf Spatzen schießen und die Elfmeterschützen vor Petrus stehen, weil sie den Ball in den Wolken suchen – immer dann schlafen Bayernfans schlecht.“

Albert Ostermaier: „Dahoam san mia mia“, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, München, 16./17.5.2012

Ostermaier in der SZ

Den Fußballsport in Worte zu fassen, ist wie Elfmeterschießen. Die einen punkten, weil sie genau zielen; andere versagen, verstolpern oder schießen übers Ziel hinaus. Einer, der es gut kann wie keiner, ist Albert Ostermaier. In seinem grandiosen Essay zum Champions-League-Finale seines Lieblingsvereins gelingt dem Schriftsteller und Dramaturg, Jahrgang 1967, wahre Fußballpoesie. In einem Satz bringt er auf den Punkt, wie Bayernfans im Mai sich fühlen, en passant streift er Anekdoten und geflügelte Wortpässe und vergisst noch nicht einmal, unabdingbare Schlüsselreizwörter einzuweben wie Gras, Tor, schießen, Ball. Wer so beginnt, hat einen Pokal verdient, egal, wie das Spiel gegen Chelsea ausgeht. Womöglich liegt es ja daran, dass der geborene Münchner als Torhüter der Autorennationalmannschaft die nötige Praxis zur Theorie sammelt. Mit Elfmetern kennt er sich also aus, der AuTorwart.

Herrenmagazin statt Bibel

„Die Zeit heilt keine Wunden, bild dir das bloß nicht ein, sie haben die Bibel nur erfunden, um selber Gott zu sein.“

Herrenmagazin: Keine Angst (2:01), auf: Das wird alles einmal dir gehören (2010).

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Hier geht es nicht um die windige Lyrik Prosa einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen. Hatten wir schon, macht aber nix.

Frau und Vorurteil

„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.“

Jane Austen: Stolz und Vorurteil (1813). Manesse Verlag, 2003.

Frauen nun wieder könnten bekräftigen, dieser Satz birgt wirklich eine allgemein anerkannte Wahrheit in sich. Eine, die selbst dem Radiergummi der Zeit zu trotzen imstande ist. Ein schönes Vermögen braucht immer eine Frau – ob daran nun ein Junggeselle hängt oder ein fremder Ehemann, spielt keine Rolle. Solche Gedanken hatte Jane Austen (1775 bis 1817) freilich nicht, zumindest hat sie diese nicht der Nachwelt hinterlassen. Aber eine Vorliebe fürs Verballhornen von Mensch und Gesellschaft hatte die gebildete Britin durchaus. In einer scharfen Art und Weise, wie sie im frühen 19. Jahrhundert nicht zum gängigen Umgangston gehörte – egal ob Pub-Nase, Gentry- oder Adelsvertreter.

Schon deshalb ist Austen, die selbst nie heiratete und anfangs unter „By a lady“ veröffentlichte, eine der größten Autorinnen der Insel. Ihre Werke gehen weit über das oft belächelte Genre der „romantischen Liebesgeschichte“ hinaus und wirken bis heute nach. Mr Darcy zum Beispiel, dieses aus femininem Blickwinkel unbedingt anzuhimmelnde Mannsbild, hat nicht nur in Bridget Jones seine Renaissance erfahren. Er ist ewiges Sinnbild für den reichen wie begehrenswerten Schönschnösel. Frauen nun wieder.

Himmelwärts mit Heinz

„Was soll das ewige Formulieren? Komm, lass uns himmelwärts spazieren, denn wer nicht wagt, der nie gewinnt, sehn‘ wir nicht zu, wie all die wunderbare Zeit verrinnt.“

Heinz aus Wien: Und apropos (0:41), auf: Heinz (2012).

Da ist sie wieder. So eine wunderbare Zeile von Heinz aus Wien. Was der Stenz von Sänger Michi Gaissmaier aufschreibt, ist sprachlich oft eine Schau. Schönklingend, wortschöpferisch, doppelsinnig („Ich wär gern im Team mit dir“). Oder einfach traumwandlerisch wie hier. Man kann der Ösi-Indie-Kappelle ja vieles vorwerfen, zum Beispiel, dass sie sich beim Krachmachen im Kreis drehen oder nicht die begnadetsten Instrumentalisten im Reich der Alpenländer sind. Jedoch ihr Gespür für kreative Texte, das kann ihnen keiner madig machen. Nun aber genug davon, denn: Was soll das ewige Formulieren? Kommt, lasst uns himmelwärts spazieren …

Jetzt ist schon wieder Haas passiert

„Jetzt ist schon wieder was passiert.“

Wolf Haas: Der Knochenmann (1997). Rowohlt, 2006.

Wolf Haas, Jahrgang 1960, ist ein Meister des kreativen Erzählens, und ob du es glaubst oder nicht, aber der Österreicher hat einen ganz eigenen Stil gefunden. Leser-Duzer Hilfsausdruck. Berühmt gemacht haben Haas seine Brenner-Krimis, deren berühmter erster Satz vor allem deshalb so berühmt ist, weil er so unverschämt leicht daherkommt. Gleichzeitig lastet alles auf ihm: die Neugier, was genau wem passiert ist; die Spannung, welche Folgen das hat; der Wissensdurst, wer der Informant ist, der offensichtlich schon bei früheren Ereignissen Augenzeuge war.

Als zum siebten Mal schon wieder was passiert ist, schenkt uns der Autor eine neue Eröffnung. Und jetzt pass auf, die hat es ebenfalls in sich, weil das Plappermaul von Erzähler ja eigentlich im sechsten Band gestorben ist. Irgendwie dann aber doch nicht, wie sich in „Der Brenner und der liebe Gott“ herausstellt. Und im Interview, das ich einmal mit ebenjenem Erzähler führen durfte, machte er ebenfalls einen kreuzfidelen Eindruck. Überschäumend Hilfsausdruck. Über den Haas hatte er auch was zu berichten: Der sei, ob du es glaubst oder nicht, „ein blasses Bürscherl, das viel vor dem Computer sitzt. Und ein Interview nach dem anderen, das kann auch nicht gesund sein. Ich sage, so ein junger Mensch sollte auch einmal hinaus gehen, Sport, Mädchen, alles. Aber bitte, das muss er  selber wissen.“

Schillernde Verirrungen

„In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen.“

Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus verlorener Ehre (1786). Reclam, 1989.

Konflikt ist der Stoff, aus dem gute Geschichten sind. Das weiß jeder, der liest und jeder, der schreibt. Friedrich Schiller, der mit seiner berühmten Eröffnung Krimis und Schurkenstücken die Existenzberechtigung erteilt, wusste das selbstverständlich auch. Wenngleich man sich fragt, ob der blitzgescheite Dichter und Philosoph (1759 bis 1805), diese Supernova der Weimarer Klassik, sich selbst zu menschlichen Verirrungen hat hinreißen lassen? Es heißt, der Teeny-Schiller soll heimlich Tabak geschnupft und mit seinen Kumpels verbotene Schriften gelesen haben. Und dem Twen-Schiller wird nachgesagt, er soll sich aus der Karlsschule, wo er zunächst Recht, dann Medizin studierte, davongestohlen haben, ohne eine Urlaubsgenehmigung beantragt zu haben. Schiller wurde in Arrest gesteckt, später wurde dem jungen Dichter Festungshaft in Stuttgart angedroht. Es gab also durchaus Konflikte im Leben des Goethe-Freundes, zumal das Verhältnis der beiden Genies zunächst von Konkurrenz und Missgunst geprägt war.

„Der Verbrecher aus verlorenen Ehre“ ist eines der wenigen Erzählprosa-Stücken von Schiller, der sich mehr Ruhm als Dramatiker und Lyriker erschrieben hat. Ein Kriminalbericht auf wenigen Seiten, der auf einer wahren Geschichte beruhen soll. Eröffnet von einem schillernden Gedanken.