Kategorie: Popped out of Pop
Zu jung für Kurt Cobain
„Und ich langweile mich, wo zum Teufel bleibt die Action, bei euch starb Kurt Cobain, bei uns ein bleicher Michael Jackson.“
Kraftklub: „Zu jung“ (1:18), auf: Mit K (2012).
Kraftklub („Mit K“, worauf schon der Titel ihres Debütalbums dezent hinweist) sind eine frische Crossover-Truppe aus Chemnitz. Die Beatsteaks ohne Singstimme, wenn man so möchte. Und fast ohne Reime. Dafür in jung. Und das ist das Problem: Sie sind „zu jung für Rock’n’Roll“, wie sie selbst grölen. Aber genau dafür möchte man ihnen – generationenübergreifend, quasi – auf die schmalen Schultern klopfen. Dass es endlich mal jemand auf den Punkt bringt und dieses grenzenlos Verständnisvolle, allzeit Brave, immer Gefasste, unbedingt Vernünftige der Neunziger- und Nuller-Anstandsbubis durch den Dreck rappt. Überhaupt sprechsingen die Indie-Rapper mitunter munter über unbequeme, unpopuläre Meinungen („Ich will nicht nach Berlin“). Weiter so! Kurt Cobain wäre stolz auf euch. Vielleicht.
Fanta Vier mit Phantasie
„Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf.“
Die Fantastischen Vier: „MfG“ (1:05), auf: 4:99 (1999).
Die Fantastischen Vier traten noch vor dem Mauerfall 1989 an, deutschsprachigen Hip-Hop massentauglich zu machen. 20 Jahre später haben sich die Stuttgarter als S-Klasse der Rap-Rasselbanden etabliert, mit schönen Zeilen und knackfrischen Beats. Aber Moment mal: Zwei Jahrzehnte Hip-Hop? Das ist ja fast wie Silberhochzeit! Ihr gottschalkscher Anspruch an sich selbst lautet deshalb: „Aufhören, bevor wir dated sind.“ Jedoch: Solange sie auffallen, werden sie nicht fallen.
Kennzeichen D
„Und ihr seht mich als Punkt am Horizont verschwinden, um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden.“
Thomas D: Rückenwind (4:19), auf: Solo (1997).
Thomas D, Jahrgang 1968, ist auch außerhalb der berühmten Vier fantastisch. Nicht immer, aber meistens. Er battlerappt nicht, er prollreimt nicht, er kommerzschreit nicht. Stattdessen reflektiert er, philosophiert er, phantasiert er. Versierter als andere. Und haut Zeilen raus, die mit „Dicker Pulli an, Mann“ keine Faser mehr gemein haben. Das fing schon mit seiner ersten Solo-Single an, aus der oben zitiert wird (eine wunderbare Reisehymne). Und hört mit den „Lektionen in Demut“ hoffentlich noch lange nicht auf. Genügend Rückenwind hat er jedenfalls noch, der heroische Hip-Hop-Humanist.
Wörld of Weisheit
„Meistens bleibt einem einfach nichts zu sagen außer: Fuck the Wörld, olé!“
Nobelpenner: „Fuck the Wörld, olé“ (1:39), auf: Meinten Sie Nibbelpeter (2009).
Nichts zu sagen außer: Fuck the Wörld, olé!
Panik in Wien
„Es ist die Stadt der Menschenfresser, o Wien, du bist ein Taschenmesser.“
Ja, Panik: „Wien, du bist ein Taschenmesser“ (2:40), auf: The Taste and the Money (2008).
Ja, Panik sind eine famose junge Kapelle aus Österreich. Also eigentlich sind sie gar keine Kapelle, sondern eine Indierock-Band. Und Österreich stimmt auch nicht ganz, weil sie mittlerweile in Berlin (wo sonst?) am neuen deutschen Politpop herumfuhrwerken. Aber famos ist korrekt. Denn wie der Sänger und Hauptakteur Andreas Spechtl in bester Falco-Eigenart singspricht, ist eine Schau. Und wie er Deutsch, Englisch und Österreichisch in seinen betörenden Texten verquirlt, als gäbe es keine Sprachbarrieren, ist höchst erfrischend! Zum Beispiel das: „Sorry for my bad english, but my German is even worse.“ Hatten wir schon, macht aber nix. Nicht schlecht, Herr Spechtl!
Inas Nacht mit Britt
„Immer wenn ich Britt popp, hören wir Oasis.“
Ina Müller: „Brittpop“ (0:39), auf: Das wär dein Lied gewesen (2011).
Ina Müller, Jahrgang 1965, wird ja gerade als möglicher neuer Thomas Gottschalk gehandelt. Wetten, dass sie es nicht wird? Dafür ist die Moderatorin („Inas Nacht“), Sängerin und saukomische Kleinkunstdame (Queen Bee) viel zu gut. Das norddeutsche Naturtalent führt bessere Interviews, als es Gottschalk je können wird; sie sieht besser aus, als es Gottschalk je tat; kurzum: Das zwanghaft doofe Fernsehvolk (ZDF) hat sie nicht verdient, diese Supernova der charmanten Unterhaltung. Den öffentlich-rechtlichen Entscheidern wäre Müller ohnehin zu eigensinnig. Wie pointiert und verschmitzt sie sein kann, zeigt der Song „Brittpop“. Gut, da hatte der Textgott Frank Ramond seine Finger im Spiel. Aber egal. Von Ina Müller darf man noch einiges erwarten. Wetten, dass?
Bosse in der Metropole
„Dein Herz war mal ruhig und leer, jetzt ist es voll wie Shanghai und ziemlich vulgär, und man verläuft sich leicht in den vollen Gassen, ich bin da und kann’s trotzdem nicht lassen.“
Bosse: „Metropole“ (0:20), auf: Wartesaal (2011).
Bosse, 1980 als Axel Bosse in Braunschweig geboren, sitzt schon ein paar Jahre im Wartesaal. „Im Wartesaal zum Glücklichsein“, wie er dichtet und singt, was indes nur auf seinen kommerziellen Erfolg anzuwenden ist (vielleicht ist Axel, der Mensch, bereits glücklicher, als andere es je werden – wer weiß das schon?): Seine Debütplatte jedenfalls war bereits 2005 erschienen, aber es sollte bis 2011 dauern, ehe Mainstream-Deutschland kapierte, wen es da so lange verpasste. Mit „Wartesaal“, dem vierten Album des Songwriters, gelang Bosse nicht nicht nur der direkte Chart-Einstieg. Seine Kunst, geschliffene und offenherzige Worte mit passenden Melodien und Arrangements zu verkuppeln, erreicht hierauf einen Höhepunkt.
Oder, um Oliver Uschmann zu zitieren, den Wortguru, der Axel Bosse sehr verehrt: „Intimität ist selten in der Rockmusik. Noch viel seltener geht sie mit kompositorischem Können zusammen. Wer jedes Wort mit Bedacht wählt und die Arrangements musikalisch den Themen der Stücke anpasst, gilt als Architekt mit Formwille, aber wo Baupläne sind, können nicht ungefiltert Emotionen fließen. Sagt man so. Axel Bosse beweist auf seinem vierten Studioalbum ,Wartesaal‘ das Gegenteil, denn alles greift hier ineinander.“
Smells Like Nirvana
„Here we are now, entertain us.“
Nirvana: „Smells Like Teen Spirit“ (1:10), auf: Nevermind (1991).
Ein Satz, eine Band, eine Generation. Vor 20 Jahren ist „Nevermind“ erschienen – und alles war anders. Danke für den Grunge!
Massive Models
„Fuck Yoga, fuck Pilates, trink Cola, schnapp‘ dir den Nachtisch!“
Massive Töne: „Topmodel“ (1:19), auf: Zurück in die Zukunft (2005).
Hallo?! Hier, ja genau, hier ist das Wort! War ja klar, dass alle erstmal auf das Video glotzen, statt erklärende Texte zu lesen. Für diejenigen, die sich nicht angesprochen fühlen (oder mit dem Video zum zweiten Mal durch sind) – hier gibt’s die Infos: Das Kollektiv der Massiven Töne hat sich 1991 dort gegründet, wo die Fantastischen Vier gleichzeitig den deutschsprachigen Hip-Hop Charts-kompatibel gemacht haben: in Stuttgart. Wie ihre Premiumkollegen kommen auch sie ohne Protzprosa oder Schwachsinnsschwall aus, sondern widmen sich lieber der Sprachspielerei und den verschmitzten Pop-Versen. Wenngleich ein wenig in Vergessenheit geraten, bieten die Massiven Töne durchaus Gründe zur Wiederentdeckung. Und zum Schmunzeln. Darauf eine Cola. Und einen Nachtisch. Jetzt wieder Video gucken – von mir aus.
Heinz, der Schlawi(e)ner
„Denn wenn schon, dann denn schon, darauf warten wir längst schon, man darf doch mal träumen, sich eine Chance einräumen.“
Heinz aus Wien: „Wunder von Wien“ (0:37), auf: Wunder von Wien (2008).
Nun hat das ja nicht so ganz geklappt mit dem Wunder von Wien im Jahr 2008. Und wie die famos besungene österreichische Fußball-Nationalmannschaft müssen sich auch Heinz aus Wien oft geschlagen geben, wie zuletzt beim Eurovision-Song-Contest-Bewerbungsversuch mit „É Cosi“. Dabei hat die Ösi-Indie-Kappelle den Rot-Weiß-Rot-Kickern eines voraus: Die Burschen sind richtig gut. Also beim Krachmachen und Texten zumindest. Was der Stenz von Sänger Michi Gaissmaier aufschreibt, ist sprachlich oft eine Schau. Schönklingend, wortschöpferisch, doppelsinnig. Der singt dann so Sachen wie „Ich wär gern im Team mit dir“, meint dabei aber nicht den Fußball, sondern einen Mannschaftssport zu zweit. Leiwand, quasi.