Getagged: Musik
Hummer bringen Kummer
„Wer nicht geht, kommt nie wieder, und wer bleibt, ist nie weg.“
Element of Crime: „Kopf aus dem Fenster“ (1:15), auf: Immer da wo du bist bin ich nie (2009).
Dass Sven Regener ein wortgewandter Erzähler ist, haben wir an anderer Stelle bereits gewürdigt. Ursprünglich entwickelte der Bremer Stadtmusikant sein Talent zum Schreiben aber als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime. Zuerst noch ins Englische flüchtend, entdeckte der knurrige Poet bald den Reichtum seiner Muttersprache. Seitdem überrascht er den Plattitüden gewöhnten Pop-Hörer mit phantasievoller Kurzprosa, liebenswerten Träumereien und lyrischen Absurditäten. Er erklärt nicht viel in seinen Texten, lieber regt er an, der Regener.
Heute ist heute ist heute
„Heute war gestern schon morgen.“
Chima: „Morgen“ (2:10), auf: Stille (2012).
Moment mal: Wenn heute gestern morgen war, ist dann morgen heute gestern?
„Morgen ist heute schon gestern.“
Tic Tac Toe: „Morgen ist heute schon gestern“ (1:06), auf: Ist der Ruf erst ruiniert … (2000).
Und wenn morgen heute gestern ist, war dann gestern heute noch morgen?
„Gestern war heute noch morgen.“
Tylah & Mask: „Gestern war heute noch morgen.“ Auf: Gestern war heute noch morgen (2010).
Aha! Ziemlich kompliziert heute. Dann doch lieber das gute alte Carpe diem, pflücke den Tag. Oder „All You Need Is Now“, wie Duran Duran singen. Okay, die sind von Gestern, und morgen formuliert es ein anderer wieder ganz anders. Aber heute ist heute ist heute.
Peng! Hip-Hop lebt!
„Natur ist nichts weiter als Bewusstsein, das wächst, es sind wir, die wir werden im unendlichen Jetzt.“
Shaban & Käptn Peng: „Von Form zu Form“ (2:44), auf: Die Zähmung der Hydra (2012).
Peng! Da platzt dir die Hutschnur! Wer sich die Debütplatte des Brüderduos Shaban & Käptn Peng reinzieht, dem zerfetzt es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bewusstseinsblase (vorausgesetzt, er vertieft sich in die Textflut und hört das Meisterwerk nicht nur nebenbei). Und er stellt sich Fragen. Erstens: Wer sind diese Burschen, die sprechsingender Weise Plattitüden platt machen und aus der gereimten Sprache alles, aber auch wirklich alles herausholen möchten? Zweitens: Ist das noch phantastische Poesie oder schon WahnsinnPhilosophie? Und drittens: Ist deutschsprachiger Hip-Hop doch noch nicht durch?
Shaban & Käptn Peng sind schauspielernde Schauspielersöhne. Sie heißen Johannes und Robert Gwisdek und sind die Kinder von Michael Gwisdek und Corinna Harfouch. Es ist davon auszugehen, dass die Berliner ihr Talent für Theatralik, Rhythmik und Sprachgewandtheit buchstäblich in die Wiege gelegt bekommen haben. Aber dass sie derart auftrumpfen, wenn sie zu Beat-Computer und Mikrofon greifen, ist keineswegs selbstverständlich. Zeilen wie „Ich bin nicht verrückt geworden, ich hab mich selbst verrückt“ oder: „Bitte nehmen Sie eine Identität an, Anonymität ist die Maske von Tätern“ sind Beispiele ihrer kreativen Wort- und Denkkunst, die sich – wo gibt’s im Pop denn so was? -, erst beim mehrmaligen Hören erschließt. Das findet man höchstens noch bei Thomas Ds Reflektor Falke. Und deshalb: Ja wie jawoll! Wenn Hip-Hop auch so sein kein, dann hat er durchaus eine Zukunft. Eine mit schönen Sätzen statt mit Battle-Reimen.
Das Beste an Bernd Begemann
„Ich hab nichts erreicht außer dir, bitte bleib bei mir, denn das Beste an mir sind wir.“
Bernd Begemann: „Ich hab nichts erreicht außer dir“ (0:36), auf: Unsere Liebe ist ein Aufstand (2004).
Also stapelt er mal wieder tief, der Grandseigneur der Hamburger Schule. Denn das Beste an ihm ist keineswegs sie oder irgendwer – das ist schon immer er selbst gewesen. Er, der aus Bad Salzuflen aufgebrochen war, um Entertainer zu werden; der als One-Man-Show viele Jahre durch die deutschen Clubs tingelte und mit verschiedenen Bands lustige, aber auch wegweisende Dinge anstellte. Scham und Scheu scheint er in Westfalen-Lippe zurückgelassen zu haben, experimentierfreudig ist er noch immer. Klebriger Befindlichkeitspop, sagen die einen. Und wenn schon. Solange dabei so herrliche Zeilen wie diese herauskommen, darf der Mainstream-Gegenschwimmer ruhig nach Reinhard Mey Jürgen Drews Schlagerfuzzi deluxe klingen.
Außerdem – und das ist nicht das schlechteste Argument – kann sich der Autor dieser Zeilen aus einem sehr konkretem Grund nicht dagegen wehren, Bernd Begemanns Initialen gut zu finden.
Risse zur Erleuchtung
„There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“
Leonard Cohen: „Anthem“, auf: The Future (1992).
Einen Weisheitssatz wie diesen in ein Liedlein zu packen, ist eine dumme kühne Idee. Zu leicht wird er überhört, zu wenig darüber nachgedacht. Aber was soll er machen, der Leonard Cohen? Die Ursprünge seines Schaffens liegen im Schreiben, er war Dichter und Schriftsteller, bevor er sich in der Musik verlor. Als Singer-Songwriter bringt Cohen beides zusammen: gehaltvolle Gedanken und markante Melodien. Da zieren Zeilen seine zerrissenen Folksongs, von denen musenresistente Kollegen ihr Leben lang träumen. Sätze wie dieser: „I’ve seen the future, it’s a murder.“
Was die Sache mit dem Riss und dem Licht betrifft, so sei dies durchaus ein fröhlicher Gedanke, erklärte der Kanadier in einem Interview, allerdings nur für jene, die imstande sind, die Wahrheit zu genießen. Die Wahrheit, dass alles Irdische einmal zerbricht, um dem Neuen den Weg zu bahnen. Wer kennt schon die Liebe, dessen Herz noch nie gebrochen wurde? Und ist es nicht Enttäuschung, die häufig zur Erkenntnis führt? Wer länger darüber nachdenkt, was zwischen den Worten alles schlummert, der verpasst den Song. Das ist der Preis für gute Texte: Sie sind Einladungen zum Gedankentanz zu einer flüchtigen Musik.
Geschüttelt, nicht gerührt
„When you take me in your arms and talk romance, my heart starts doin‘ that Saint Vitus dance.“
Jack White: „I’m Shakin'“ (0:41), auf: Blunderbuss (2012).
Die einen machen es sich leicht. Sie schreiben und singen von klopfenden wahlweise pochenden Herzen, um den Rausch des Verliebtseins in Worte zu fassen. Andere hüpfen neue Wege. Sie schreiben und singen von Herzen, die geschüttelt werden wie Tänzer, die sich zu Ehren des Heiligen Vitus ins Zeug legen und den Saint-Vitus-Dance zelebrieren. Die einen sind Alltagspoeten, von denen es leider viel zu viele gibt; andere lassen Buchstaben tanzen und zaubern mit der Kraft des Besonderen.
Zu letzteren gehört Jack White, Jahrgang 1975. Den meisten ist der Detroiter als stimmgewaltige männliche Hälfte der White Stripes bekannt. Inzwischen schickt er sich alleine an, dem simplen Blues neue Facetten abzugewinnen. Mit Erfolg. Der Motor seines Schaffens ist Leidenschaft. Die treibt ihn an, das Pure zu destillieren und frisch zu vertonen. Und die ist es auch, die ihn als Texter außergewöhnlich macht. Weil er sich nicht mit dem Erstbesten begnügt. Eine Tugend, die sich Schreiber aller Genres zu Herzen nehmen sollten: Tanzt den Saint-Vitus-Dance, ihr Autoren, und schüttelt euch Originelles aus den Fingern.
PS: Dass es sich im konkreten Fall um eine Coverversion handelt, sollte freilich nicht verschwiegen werden. So geht der Song ursprünglich auf Rudolph Toombs (gestorben 1962) zurück, der „I’m Shakin'“ für den R’n’B-Sänger Little Willie John geschrieben hatte.
Herrenmagazin statt Bibel
„Die Zeit heilt keine Wunden, bild dir das bloß nicht ein, sie haben die Bibel nur erfunden, um selber Gott zu sein.“
Herrenmagazin: Keine Angst (2:01), auf: Das wird alles einmal dir gehören (2010).
Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Hier geht es nicht um die windige Lyrik Prosa einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen. Hatten wir schon, macht aber nix.
Himmelwärts mit Heinz
„Was soll das ewige Formulieren? Komm, lass uns himmelwärts spazieren, denn wer nicht wagt, der nie gewinnt, sehn‘ wir nicht zu, wie all die wunderbare Zeit verrinnt.“
Heinz aus Wien: Und apropos (0:41), auf: Heinz (2012).
Da ist sie wieder. So eine wunderbare Zeile von Heinz aus Wien. Was der Stenz von Sänger Michi Gaissmaier aufschreibt, ist sprachlich oft eine Schau. Schönklingend, wortschöpferisch, doppelsinnig („Ich wär gern im Team mit dir“). Oder einfach traumwandlerisch wie hier. Man kann der Ösi-Indie-Kappelle ja vieles vorwerfen, zum Beispiel, dass sie sich beim Krachmachen im Kreis drehen oder nicht die begnadetsten Instrumentalisten im Reich der Alpenländer sind. Jedoch ihr Gespür für kreative Texte, das kann ihnen keiner madig machen. Nun aber genug davon, denn: Was soll das ewige Formulieren? Kommt, lasst uns himmelwärts spazieren …
Poesie der Erdmöbel
„Anfangs Schwester heißt Ende.“
Erdmöbel: Anfangs Schwester heißt Ende (3:21), auf: Retrospektive (2011).
Wenn Anfangs Schwester Ende heißt, auf welche Namen hören dann die Eltern? Ist Anfang ein Junge oder ist Anfang ein Mädchen, und was wäre, gäbe es weitere Geschwister? Hießen die Mitte und Jetzt oder Dazwischen und Später? Um Fragen wie diese zu beantworten, sind Erdmöbel nicht angetreten. Lieber geben sie Rätsel auf. Die Texte, die der Sänger, Gitarrist und Autor Markus Berges seiner Kölner Band auf die Notenblätter schreibt, sind gespickt mit wundersamen poetischen Zeilen. So, als schickte er sie mit den locker arrangierten Melodien auf Reisen, damit sie federleicht herumschwirren im Himmel voller Wörterwolken. Die entspannt vorgetragene Lyrik zum reduzierten Bossa-Nova-Easy-Listening-Pop bewirkt noch mehr: Sie bleibt hängen. Über das Song-Ende hinaus.
Allein mit Olli Schulz
„Du bist so lange einsam, bis du lernst, allein zu sein.“
Olli Schulz: „So lange einsam“ (1:11), auf: Es brennt so schön (2009).
Mit dem Alleinsein kennt er sich aus. Zusammen mit Max Schröder hatte der Hamburger die formidable Gruppe Olli Schulz und der Hund Marie geformt, bis Schröder anfing, bei Tomte zu trommeln, und Schulz zunehmend solo auftrat. Er hat gelernt, allein zu sein. Einsam dürfte sich der Singer-Songwriter auch deshalb nicht fühlen, weil er als zischend-plappernder Unterhalter die Leute mitzureißen versteht. Ob es daran liegt, dass er klingt wie Otto Waalkes Sid, das Faultier? Oder daran, dass er 2009 mit dem Bibo-Tanz einen kreuzfidelen Gassenhauer in die Charts drückte? Das weiß wohl nur Grobi im Ufo. Aber egal: Ob alleine, mit Hund oder Band – Olli Schulz, Jahrgang 1974, bringt schöne Sätze zum Klingen. Zum Beispiel den hier: „Brichst du mir das Herz, dann brech‘ ich dir die Beine.“ Schröder, gib Acht!