Fanta Vier mit Phantasie

„Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf.“

Die Fantastischen Vier: „MfG“ (1:05), auf: 4:99 (1999).

Die Fantastischen Vier traten noch vor dem Mauerfall 1989 an, deutschsprachigen Hip-Hop massentauglich zu machen. 20 Jahre später haben sich die Stuttgarter als S-Klasse der Rap-Rasselbanden etabliert, mit schönen Zeilen und knackfrischen Beats. Aber Moment mal: Zwei Jahrzehnte Hip-Hop? Das ist ja fast wie Silberhochzeit! Ihr gottschalkscher Anspruch an sich selbst lautet deshalb: „Aufhören, bevor wir dated sind.“ Jedoch: Solange sie auffallen, werden sie nicht fallen.

Alles kracht zusammen

„Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.“

Christian Kracht: Faserland (1995). Goldmann, 1997.

Christian Kracht, Jahrgang 1966, gilt als Vorreiter der Popwelle in der deutschen Literatur. Er selbst lehnt den Begriff ab, spricht stattdessen von „Light Entertainment“. Populär wurde sein Debütroman allemal: Heute zählt „Faserland“ zu den bekanntesten deutschsprachigen literarischen Texte der Neunziger. Die sinnfreie Reise des namenlosen Schnösels von Nord- nach Süddeutschland erhebt die Leere zur Kunstform, als Spiegelbild einer teilnahmslosen Jugend, deren Dekadenz zum Himmel stinkt. Dreist auch der erste Satz: Da steht also ein Mann an der nördlichsten Fischbude Deutschlands und kippt sich ein Bier hinter die Binde. Das allein wäre so bemerkenswert wie die Ankündigung, dass auf Ebbe garantiert Flut komme, wenn sich in den Worten nicht ebenjene Hoffnungslosigkeit und Belanglosigkeit einer ganzen Generation widerspiegeln würde. Ein Gesellschaftsroman über das Verschwinden. Von allem. Auch das scharfe S im ersten Satz ist inzwischen aus den Büchern verschwunden.

Kennzeichen D

„Und ihr seht mich als Punkt am Horizont verschwinden, um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden.“

Thomas D: Rückenwind (4:19), auf: Solo (1997).

Thomas D, Jahrgang 1968, ist auch außerhalb der berühmten Vier fantastisch. Nicht immer, aber meistens. Er battlerappt nicht, er prollreimt nicht, er kommerzschreit nicht. Stattdessen reflektiert er, philosophiert er, phantasiert er. Versierter als andere. Und haut Zeilen raus, die mit „Dicker Pulli an, Mann“ keine Faser mehr gemein haben. Das fing schon mit seiner ersten Solo-Single an, aus der oben zitiert wird (eine wunderbare Reisehymne). Und hört mit den „Lektionen in Demut“ hoffentlich noch lange nicht auf. Genügend Rückenwind hat er jedenfalls noch, der heroische Hip-Hop-Humanist.

Herr Regener

„Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, dass er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging.“

Sven Regener: Herr Lehmann (2001). Goldmann, 2003.

Der Satz, der voller Abzweigungen war, verwies auf das schriftstellerische Glück, das sich durch einen markant-querulanten Stil einstellen sollte, als Sven Regener, den sie ursprünglich als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime kannten, weil er damit berühmt geworden war, quer über die Seiten der liebenswerten Mauerfall-Geschichte zur Katharsis des Erzählens fand.

Gibsons Fernblick

„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist.“

William Gibson: Neuromancer (1984). Heyne, 2000.

William Gibson, Jahrgang 1948, ist einer dieser Science-Fiction-Autoren, denen man das „Fiction“ wegredigieren sollte. Müsste! Denn allein das, was sich der US-Amerikaner in seinem Debütroman „Neuromancer“ herbeischrieb, war zuweilen alles andere als erfunden, wie sich freilich erst später herausstellte: Begriffe wie Cyberspace, Cyberpunks oder Matrix muss ihm einer aus der Zukunft geflüstert haben (Trinity? Morpheus!) Also geklaut? I wo, wohl eher eine Frühform des Future-Mashup! Einen bösen Schnitzer hat sich Gibson aber dennoch geleistet – und das ausgerechnet im ersten, zukunftsweisenden Satz. Dass nämlich ein „toter Kanal“ bald schon kaum mehr zu finden sein würde in der überbevölkerten Fernsehlandschaft, hätte er wissen müssen, der olle Futur-Fex.

Panik in Wien

„Es ist die Stadt der Menschenfresser, o Wien, du bist ein Taschenmesser.“

Ja, Panik: „Wien, du bist ein Taschenmesser“ (2:40), auf: The Taste and the Money (2008).

Ja, Panik sind eine famose junge Kapelle aus Österreich. Also eigentlich sind sie gar keine Kapelle, sondern eine Indierock-Band. Und Österreich stimmt auch nicht ganz, weil sie mittlerweile in Berlin (wo sonst?) am neuen deutschen Politpop herumfuhrwerken. Aber famos ist korrekt. Denn wie der Sänger und Hauptakteur Andreas Spechtl in bester Falco-Eigenart singspricht, ist eine Schau. Und wie er Deutsch, Englisch und Österreichisch in seinen betörenden Texten verquirlt, als gäbe es keine Sprachbarrieren, ist höchst erfrischend! Zum Beispiel das: „Sorry for my bad english, but my German is even worse.“ Hatten wir schon, macht aber nix. Nicht schlecht, Herr Spechtl!

Inas Nacht mit Britt

„Immer wenn ich Britt popp, hören wir Oasis.“

Ina Müller: „Brittpop“ (0:39), auf: Das wär dein Lied gewesen (2011).

Ina Müller, Jahrgang 1965, wird ja gerade als möglicher neuer Thomas Gottschalk gehandelt. Wetten, dass sie es nicht wird? Dafür ist die Moderatorin („Inas Nacht“), Sängerin und saukomische Kleinkunstdame (Queen Bee) viel zu gut. Das norddeutsche Naturtalent führt bessere Interviews, als es Gottschalk je können wird; sie sieht besser aus, als es Gottschalk je tat; kurzum: Das zwanghaft doofe Fernsehvolk (ZDF) hat sie nicht verdient, diese Supernova der charmanten Unterhaltung. Den öffentlich-rechtlichen Entscheidern wäre Müller ohnehin zu eigensinnig. Wie pointiert und verschmitzt sie sein kann, zeigt der Song „Brittpop“. Gut, da hatte der Textgott Frank Ramond seine Finger im Spiel. Aber egal. Von Ina Müller darf man noch einiges erwarten. Wetten, dass?

Nick, nackt

„Sie waren von England nach Minneapolis geflogen, um sich ein Klo anzuschauen.“

Nick Hornby: Juliet, Naked (2009). Kiepenhauer & Witsch, 2009.

Nick Hornby, Jahrgang 1957, schreibt über Fußball, Pop und Frauen. Also über die wichtigsten männlichen Lebensinhalte. Kerle lesen zwar in der Regel keine Romane, aber Hornbys Taktik geht trotzdem auf. Mit seinem Debüt „Fever Pitch“ hat er das Ballfieber-Buch schlechthin vorgelegt (mehr dazu hier, hatten wir schon mal). Auch der erste Satz bei einem seiner jüngsten Werke ist Champions League. Er strotzt vor dem, worauf der populäre Brite sein gesamtes Werk begründet: Leidenschaft – egal ob für Fußball, Frauen, Familie oder Musik. Vorwerfen kann man Hornby höchstens eines: Er setzt auf den falschen Verein. Aber man kann nicht alles haben.

Bosse in der Metropole

„Dein Herz war mal ruhig und leer, jetzt ist es voll wie Shanghai und ziemlich vulgär, und man verläuft sich leicht in den vollen Gassen, ich bin da und kann’s trotzdem nicht lassen.“ 

Bosse: „Metropole“ (0:20), auf: Wartesaal (2011).

Bosse, 1980 als Axel Bosse in Braunschweig geboren, sitzt schon ein paar Jahre im Wartesaal. „Im Wartesaal zum Glücklichsein“, wie er dichtet und singt, was indes nur auf seinen kommerziellen Erfolg anzuwenden ist (vielleicht ist Axel, der Mensch, bereits glücklicher, als andere es je werden – wer weiß das schon?): Seine Debütplatte jedenfalls war bereits 2005 erschienen, aber es sollte bis 2011 dauern, ehe Mainstream-Deutschland kapierte, wen es da so lange verpasste. Mit „Wartesaal“, dem vierten Album des Songwriters, gelang Bosse nicht nicht nur der direkte Chart-Einstieg. Seine Kunst, geschliffene und offenherzige Worte mit passenden Melodien und Arrangements zu verkuppeln, erreicht hierauf einen Höhepunkt.

Oder, um Oliver Uschmann zu zitieren, den Wortguru, der Axel Bosse sehr verehrt: „Intimität ist selten in der Rockmusik. Noch viel seltener geht sie mit kompositorischem Können zusammen. Wer jedes Wort mit Bedacht wählt und die Arrangements musikalisch den Themen der Stücke anpasst, gilt als Architekt mit Formwille, aber wo Baupläne sind, können nicht ungefiltert Emotionen fließen. Sagt man so. Axel Bosse beweist auf seinem vierten Studioalbum ,Wartesaal‘ das Gegenteil, denn alles greift hier ineinander.“