Poesie der Erdmöbel

„Anfangs Schwester heißt Ende.“

Erdmöbel: Anfangs Schwester heißt Ende (3:21), auf: Retrospektive (2011).

Wenn Anfangs Schwester Ende heißt, auf welche Namen hören dann die Eltern? Ist Anfang ein Junge oder ist Anfang ein Mädchen, und was wäre, gäbe es weitere Geschwister? Hießen die Mitte und Jetzt oder Dazwischen und Später? Um Fragen wie diese zu beantworten, sind Erdmöbel nicht angetreten. Lieber geben sie Rätsel auf. Die Texte, die der  Sänger, Gitarrist und Autor Markus Berges seiner Kölner Band auf die Notenblätter schreibt, sind gespickt mit wundersamen poetischen Zeilen. So, als schickte er sie mit den locker arrangierten Melodien auf Reisen, damit sie federleicht herumschwirren im Himmel voller Wörterwolken. Die entspannt vorgetragene Lyrik zum reduzierten Bossa-Nova-Easy-Listening-Pop bewirkt noch mehr: Sie bleibt hängen. Über das Song-Ende hinaus.

Nächte mit Hacke

„Nachts, wenn ich einsam bin, wenn mich die letzten Gesichter auf dem Fernsehschirm verlassen haben und weiße Krokodile sich langsam aus dem Spülstein schieben, setze ich mich gern ein wenig in die Küche und unterhalte mich mit dem Kühlschrank.“

Axel Hacke: Nächte mit Bosch (1991). dtv, 1994.

Wahrscheinlich tut man ihm unrecht. Aber angesichts der Tatsache, dass jemand mit Küchengeräten plaudert, noch dazu mit unterkühlten Exemplaren und in absoluter Dunkelheit, angesichts dessen muss die Frage erlaubt sein, ob dieser Boschflüsterer noch alle Eiswürfel im Gefrierfach hat? Unbestritten ist, dass Axel Hacke nicht von dieser Autorenwelt ist. Wahrscheinlich wurde er von höher entwickelten Krokodilen anno 1956 mit der Mission in Braunschweig ausgesetzt, als Wortgott in Menschengestalt nach München zu ziehen, um hier zunächst der Deutschen Journalistenschule (DJS) und dann der Süddeutschen Zeitung die neue Ikone zu geben.

Denn was Hacke in die Tasten hackt, und das nun schon seit mehr als 30 Jahren, gleicht überirdischer Herrlichkeit. Der ehemalige Politikstudent ist Streiflichtgestalt und Reportagenkönig, Kolumnengott und Schönschriftsteller, Worterfinder und Satzfeiler. Dabei immer einer, der sich selbst nicht wichtiger nimmt als die Geschichte, die er erzählt. Wer so perfekt ist, der darf sich gerne nächtelang mit Kühlschränken unterhalten. Wenn’s hilft …

PS: In meiner eigenen Zeit an der DJS war mir Hacke stets ein großes Vorbild. Ein Gespräch mit meinem Kühlschrank (oder irgendeinem anderen) habe ich bis heute nicht hinbekommen.

Allein mit Olli Schulz

„Du bist so lange einsam, bis du lernst, allein zu sein.“

Olli Schulz: „So lange einsam“ (1:11), auf: Es brennt so schön (2009).

Mit dem Alleinsein kennt er sich aus. Zusammen mit Max Schröder hatte der Hamburger die formidable Gruppe Olli Schulz und der Hund Marie geformt, bis Schröder anfing, bei Tomte zu trommeln, und Schulz zunehmend solo auftrat. Er hat gelernt, allein zu sein. Einsam dürfte sich der Singer-Songwriter auch deshalb nicht fühlen, weil er als zischend-plappernder Unterhalter die Leute mitzureißen versteht. Ob es daran liegt, dass er klingt wie Otto Waalkes Sid, das Faultier? Oder daran, dass er 2009 mit dem Bibo-Tanz einen kreuzfidelen Gassenhauer in die Charts drückte? Das weiß wohl nur Grobi im Ufo. Aber egal: Ob alleine, mit Hund oder Band – Olli Schulz, Jahrgang 1974, bringt schöne Sätze zum Klingen. Zum Beispiel den hier: „Brichst du mir das Herz, dann brech‘ ich dir die Beine.“ Schröder, gib Acht!

Wie ein Satz Ihr Leben verändern kann

„Es gibt wenig, dem sich der Mensch mit größerer Hingabe widmet als dem Unglücklichsein.“

Alain de Botton: Wie Proust Ihr Leben verändern kann – Eine Anleitung (1997). Fischer Taschenbuch, 2000.

Also glücklich macht diese Eröffnung nicht. Eher unglücklich. Und während wir uns damit befassen, uns dem Sinn dieser Worte hinzugeben, merken wir, dass er Recht haben könnte, der Autor. Unglücklich geht immer. Ein Klassiker der Leidenschaften.

Alain de Botton hat oft Recht. Der 1969 in Zürich geborene Schriftsteller hat Philosophie studiert, ehe er sich beherzt auf komplizierte Themen stürzte, um sie vereinfacht darzustellen. Zum Beispiel Marcel Proust. Der berühmteste Sucher der verlorenen Zeit verlangt seinen Lesern bekanntlich viel ab, Geduld vor allem, hat doch allein der erste Teil seines Sieben-Bände-Zyklus 564 Suhrkamp-Seiten. Alain de Botton destilliert daraus ein Ratgeberbuch. Und beantwortet Fragen wie: Wie man das Leben liebt. Wie man erfolgreich leidet. Wie man sehen lernt. Und so weiter. Ganz im Sinne des französischen Stubenhockers. Der widmete sich gerne dem Unglücklichsein. Und schuf Sätze, die Leben verändern können. Und glücklich machen.

Supersonic mit Gin Tonic

„I’m feeling supersonic, give me gin and tonic, you can have it all but how much do you want it?“

Oasis: „Supersonic“ (0:37), auf: Definitely Maybe (1994).

Oasis gibt es (vorerst) nicht mehr (1991 bis 2009). Da hilft auch kein Gin. Tonic schon gleich gar nicht. Zu verschieden waren die Vorstellungen der Gallagher-Brüder, die sich gerade in den Kleinkindjahren des von ihnen großgezogenen Britpop gegenseitig zu  Supernovaliedgut herausgefordert hatten. Was bleibt – neben den Songs -,  sind energiegetriebene Euphoriesätze wie dieser hier.

Und die Soloprojekte der beiden: Während Noel, der Ältere, mit den High Flying Birds jene alten Überschallgeschwindigkeitsgefühle zurückholen möchte, versucht es Liam mit Beady Eye. Dabei verhält es sich mit den beiden wie mit Gin und Tonic: Kann man alleine genießen, aber glücklicher macht das Zusammenspiel.

Lob für Lodge

„Der hochgewachsene Mann mit grauem Haar und Brille, der am Rand der Menge im Hauptraum der Galerie steht und sich tief zu der jungen Frau in der roten Seidenbluse hinunterbeugt, den Kopf zur Seite geneigt, weise nickend und hin und wieder phatisch murmelnd, ist nicht, wie man denken könnte, ein Priester außer Dienst, den sie dazu überreden konnte, ihr inmitten einer Party die Beichte abzunehmen, oder ein Psychiater, dem sie eine kostenlose Beratung abgeschwatzt hat; Zweck der Übung ist es auch nicht, ihm einen besseren Einblick in ihr Dekolleté zu verschaffen, obgleich das ein willkommener – leider auch der einzige – Bonus ist, der in seiner derzeitigen Situation für ihn herausspringt.“

David Lodge: Wie bitte? (2008). Heyne, 2010.

Wie bitte? Das soll ein Satz sein? In der Tat: Der Einstieg in David Lodges gleichnamigen Roman schlängelt sich an allerlei Satzzeichen vorbei – Kommas, Semikolons, Gedankenstriche -, ehe der erlösende Punkt erreicht ist. Erlösend ist freilich relativ, denn eine Qual ist der Satz nicht, und wenn, dann eine schöne. Lodge, Jahrgang 1935, versteht es meisterlich und rhythmisch sauber, allerlei Köder auszulegen und seidenblusenschlüpfrige Reizworte einzustreuen, während er seine lebenskluge Geschichte über die Leiden des schwerhörigen Linguistikprofessors Desmond Bates beginnt.

Später wird der Leser erfahren, dass es nicht der allwissende Erzähler ist, der hier auftrumpft, sondern die Hauptfigur selbst, die einige ihrer Erlebnisse in distanzierter Form skizziert, um literarisch in Form zu bleiben. Das bedeutet Lesefreude auf mehreren Ebenen. Lob für Lodge, den Meister des britischen Universitätsromans.

Gisbert zu Herzhausen

„Schenk du uns die Drinks ein, ich schütte dir mein Herz aus.“

Gisbert zu Knyphausen: “Erwischt” (1:03), auf: Gisbert zu Knyphausen (2008).

Erwischt! Es müssen Dutzende, ach was, Hunderte Drinks gewesen sein, die dem Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau eingeschenkt wurden. Gemessen daran, wie offenherzig Gisbert zu Knyphausen Liedtexte schreibt, müssen er und seine Muse ein trinkfestes Gespann sein.

Hin und wieder liest man von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel BosseNobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Hatten wir schon, macht aber nix.

Wassermusik im Blut

„Während die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat aussäten, stellte Mungo Park dem Emir von Ludamar, Al-Hadsch‘ Ali Ibn Fatoudi, seine bloßen Hinterbacken zur Schau.“

T. Coraghessan Boyle: Wassermusik (1980). Rowohlt, 1997.

Keine Frage, der Satz ist Wassermusik in den Ohren des Lesers! Ein Auftakt wie ein Hieb mit der Weißschwanzgnupeitsche! Keinen Schimmer, worüber und worauf man sich am meisten freuen soll. Wer seinen Helden Mungo nennt und ihn nach wenigen Wörtern auf den Emir von Ludamar treffen lässt – mit britenblassem Gesäß voraus wohlgemerkt -, der hat definitiv selbstgebrannten Schnaps in der Hausbar.

T. C. Boyle, Jahrgang 1948, zeigt gleich bei seinem Romandebüt, das wenige Jahre nach seinem Doktortitel in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts erschien, wie man das Zelt des Entdeckungsreisenden zum Dampfen bringt. „Wassermusik“ erzählt von zwei Westafrika-Expeditionen des Schotten Mungo Park, der sich um 1800 auf die Suche nach dem Niger machte – und an den Umständen scheiterte. Boyle dagegen triumphierte. Romanreisen in das Detaildickicht der Geschichte blieben seine Leidenschaft. Auf diesem Acker hat der gedankenwilde US-Amerikaner tiefe Furchen gepflügt und schöne Saat gesät.

Sex im Aquarium

„Diesmal kamen die Architektengattin und ich fast gleichzeitig, sie schrie noch lauter als beim ersten Mal, aber als sie ihren Rock glatt streifte und wir aus der Küche zurück zu den anderen gingen, hatte keiner etwas bemerkt.“

Harald Schmidt: Tränen im Aquarium (1993). Kiepenheuer & Witsch, 1998.

Pointe vor Anstand. Nach diesem Credo handelt Harald Schmidt, Jahrgang 1957, seit er mit seinem ersten Soloprogramm den Bogen überspannte: „Ich hab‘ schon wieder überzogen“ hieß das Stück aus den tiefen achtziger Jahren. Der erste Satz seines ersten Buches kommt folgerichtig übertrieben dreist daher. Die Eröffnung wäre billig und schlüpfrig, würde er nicht Folgendes hinterherschicken:

„Dieser Satz hat nichts mit dem folgenden Kapitel zu tun, aber William Faulkner hat angeblich gefordert, der erste Satz eines Buches müsse so sein, daß der Leser gewzungen sei, weiter zu lesen.“

Wenn man so möchte, hat Schmidt gestartet, womit sich Tommy Jaud zehn Jahre später zum Millionär ulkte: den Siegeszug des Comedy-Buches. Und wie schreibt Herbert Feuerstein auf dem Buchrücken: „Ein Buch, das in keinem Haushalt fehlen darf, wo ein Tischbein zu kurz ist.“

Melancholie zu Knyphausen

„Fick dich ins Knie, Melancholie, du kriegst mich nie klein.“

Gisbert zu Knyphausen: „Melancholie“ (2:58), auf: Hurra! Hurra! So nicht. (2010).

Sagt der, dessen stärkste Muse Melancholie heißt. Aber so ist er, der Herr von und zu: Bloß nicht zu einfach denken. Simpel sind Männer, simpel ist Fußball, nicht aber das Leben. Das hat der Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau längst erkannt. Und pflegt sein Faible für die komplizierte Welt. Für den Müll des Lebens und die Schmerzen im Herzen. Er vertont die Hasslieben des Lebens.

Hin und wieder liest man in diesem Zusammenhang von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel Bosse, Nobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Was soll noch kommen? Herr Knyphausen bitte:

„Und so wie es war, soll’s nie wieder sein, so wie es ist, darf’s nicht bleiben, und wie es dann wird, kann vielleicht nur der bucklige Winter entscheiden.“ (1:55).