Buntspecht in Lauerstellung

„Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts, einer Zeit, in der die westliche Zivilisation zu rasch zur Neige ging, um es sich wohlsein zu lassen, und doch wieder zu langsam, um richtig aufregend zu sein, hockte fast alle Welt auf der Kante eines immer teurer werdenden Theatersessels und wartete – je nach persönlicher Neigung – in Furcht, Hoffnung oder Langeweile darauf, daß etwas Bedeutsames passierte.“

Tom Robbins: Buntspecht (1980). Rowohlt, 1995.

Tom Robbins, Jahrgang 1932, ist der Gottvater der Metapher, der König der ungekrönten Vergleiche, der Lehrmeister der Phantasie, der Schöpfer der Wortschöpfung, der Erstplatzierte der ersten Sätze, der Erfinder der Kreativitätstheorie. Die wilden Romane des US-Amerikaners sind Sex, Philosophie, Lebensfreude. Unterhaltung, Religion, Politik. Und immer Inspiration für alle, die schreiben. Er ist der Maßstab der Erzählkunst. Er ist Literatur. Punkt. Hatten wir schon mal, macht aber nix. Punkt.

Nicks Kick

„Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.“

Nick Hornby: Fever Pitch – die Geschichte eines Fans (1992). KiWi, 2000.

Nick Hornby, Jahrgang 1957, schreibt über Fußball, Pop und Frauen. Also über die wichtigsten männlichen Lebensinhalte. Kerle lesen zwar in der Regel keine Romane, aber Hornbys Taktik geht trotzdem auf. Mit seinem Debüt „Fever Pitch“ hat er nicht nur das Ballfieber-Buch schlechthin vorgelegt (schenkt es bloß nicht euren Freundinnen, Jungs, sie werden euch die Rote Karte zeigen). Auch der erste Satz ist Champions League. Er strotzt vor dem, worauf der populäre Brite sein gesamtes Werk begründet: Leidenschaft – egal ob für Fußball, Frauen, Familie oder Musik. Vorwerfen kann man Hornby höchstens eines: Er setzt auf den falschen Verein. Aber man kann nicht alles haben.

Massive Models

„Fuck Yoga, fuck Pilates, trink Cola, schnapp‘ dir den Nachtisch!“

Massive Töne: „Topmodel“ (1:19), auf: Zurück in die Zukunft (2005).

Hallo?! Hier, ja genau, hier ist das Wort! War ja klar, dass alle erstmal auf das Video glotzen, statt erklärende Texte zu lesen. Für diejenigen, die sich nicht angesprochen fühlen (oder mit dem Video zum zweiten Mal durch sind) – hier gibt’s die Infos: Das Kollektiv der Massiven Töne hat sich 1991 dort gegründet, wo die Fantastischen Vier gleichzeitig den deutschsprachigen Hip-Hop Charts-kompatibel gemacht haben: in Stuttgart. Wie ihre Premiumkollegen kommen auch sie ohne Protzprosa oder Schwachsinnsschwall aus, sondern widmen sich lieber der Sprachspielerei und den verschmitzten Pop-Versen. Wenngleich ein wenig in Vergessenheit geraten, bieten die Massiven Töne durchaus Gründe zur Wiederentdeckung. Und zum Schmunzeln. Darauf eine Cola. Und einen Nachtisch. Jetzt wieder Video gucken – von mir aus.

Uschmanns Männer

„Tja, sagt unser Vermieter und sitzt auf dem Bierkasten in der Ecke wie ein Teilnehmer an einer Referatsgruppe, der zur Gruppenarbeit aber auch gar nichts beizutragen hat.“

Oliver Uschmann: Hartmut und ich (2005). Fischer, 2008.

Oliver Uschmann, Jahrgang 1977,  ist ein wortgewandter Vielschreiber. Und ein Verfechter der klaren, genauen Sprache. Seine zeitgenössische Männer-WG-Romanreihe „Hartmut und ich“ strotzt vor skurrilen Pointen und subversivem Humor. Szenisch, fast filmisch, schleudert er den Leser direkt in immer neue Verwicklungen, wie im exemplarischen Beispielsatz oben. Was Hartmut, der unverbesserliche Weltverbesserer, und Ich, also der Ich-Erzähler, in den mittlerweile fünf Büchern erleben und erleiden (Tipp: Murp!), ist allerfeinste Realsatire. Post-Pop, wie der Münsterländer sagt, der auch ein Faible für Aphorismen und Ratgeber-Exkurse hat („Sei unperfekt – die hohe Kunst der Unvollkommenheit“). Mit seinem aktuellen Schmöker Nicht weit vom Stamm (Script5) drängt der erfahrene Musikjournalist („Visions“) und Dozent auch in den Jugendbuchmarkt. Tipps zum Schreiben hat mir der selbsternannte Wortguru einmal in einem Interview für musicsupporter.de gegeben. Hier.

Heinz, der Schlawi(e)ner

„Denn wenn schon, dann denn schon, darauf warten wir längst schon, man darf doch mal träumen, sich eine Chance einräumen.“

Heinz aus Wien: „Wunder von Wien“ (0:37), auf: Wunder von Wien (2008).

Nun hat das ja nicht so ganz geklappt mit dem Wunder von Wien im Jahr 2008. Und wie die famos besungene österreichische Fußball-Nationalmannschaft müssen sich auch Heinz aus Wien oft geschlagen geben, wie zuletzt beim Eurovision-Song-Contest-Bewerbungsversuch mit „É Cosi“. Dabei hat die Ösi-Indie-Kappelle den Rot-Weiß-Rot-Kickern eines voraus: Die Burschen sind richtig gut. Also beim Krachmachen und Texten zumindest. Was der Stenz von Sänger Michi Gaissmaier aufschreibt, ist sprachlich oft eine Schau. Schönklingend, wortschöpferisch, doppelsinnig. Der singt dann so Sachen wie „Ich wär gern im Team mit dir“, meint dabei aber nicht den Fußball, sondern einen Mannschaftssport zu zweit. Leiwand, quasi.

Der Fänger im ersten Satz

„Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.“

J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1951). Rowohlt, 1994.

J. D. Salinger, 1919 bis 2010, gab gerne Rätsel auf. Um seine Person, um sein Leben, um seine Figuren. So beginnt der Roman, der dem US-Amerikaner zu Weltruhm verhalf, ebenfalls mit vielen Fragen: Wer ist der freche Lümmel, der den Leser so dreist anquatscht, wem erzählt er seine Geschichte und warum bestimmte Sachen nicht? Fakt ist: Mit dem „Fänger im Rogger“ fängt Salinger alle ein. Die saloppe Stimme des Ich-Erzählers war nicht nur wegweisend für die spätere (Pop-)Literatur. Der auffällige Sprachduktus provozierte auch Kritik: Die Originalausgabe von 1951 soll 255 Mal den Ausdruck „goddam“ und 44 Mal „Fuck“ enthalten. Goddam!

Thees’ Dorf-These

„Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten.“

Thees Uhlmann: „LAT- 53.7 LON- 9.11667“, auf: Thees Uhlmann, 2011.

Schon wieder Thees. Für die einen ist er der näselnde Minnesänger 2.0. Für die anderen (dazu zählt sich der Autor) ist der Musiker, Songwriter, Produzent, Label-Betreiber und Ex-Backliner der liebenswerteste Lyriker, den die Hamburger Schule je hervorgebracht hat. Egal ob in seiner Band Tomte oder nun auf seiner ersten Soloplatte – Uhlmann formuliert offenherzig und ohne Scham Sätze, gerne Metaphern, die an die emotionale Intelligenz appellieren. Wenn Tocotronic das Hirn der Bewegung waren, dann ist Thees das Herz. Nur eine These.

Fox ohne Faxen

„Nur noch konkret reden, gib mir ein ja oder nein, Schluss mit Larifari, ich lass all die alten Faxen sein, sollt‘ ich je wieder kiffen, hau ich mir ’ne Axt ins Bein, ich will nie mehr lügen, ich will jeden Satz auch so meinen.“

Peter Fox: „Alles Neu“ (1:59), auf: Stadtaffe (2008).

Peter Fox, Jahrgang 1971, ist einer dieser Sänger, die man auf Anhieb an der Stimme erkennt. Also Sänger stimmt nicht ganz, eher Rapper oder Reggae-Sprecher. Aber dieses wuchtige, klare, melodische Parolenbetonen, das kann er wie keiner. Der Berliner, der eigentlich Pierre Baigorry heißt und Sonderschul-Pädagogik studiert hat, kann Sätze nicht nur verständlich und rhythmisch herausposaunen, er kann auch kreativ und wortgewaltig texten. Egal ob für Seeed oder solo – hier ist ein besonders schlauer Fox am Werk.