Der alte Bär und das Mehr

„Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen.“

Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer (1952). Rowohlt, 2011.

Hemingway. Ein Wort wie Hemmungen. Dabei war Ernest, Sohn eines Landarztes und einer Opernsängerin aus Illinois, alles andere als eine Memme. Im Gegenteil. Wie der alte Mann und das Meer war der amerikanische Schriftsteller einer dieser Helden, die gerne als letzte Helden bezeichnet werden, weil man solche Männer heutzutage nicht mehr findet (sagen zumindest die Frauen, die sich den archaischen Typus gerne zurückträumen, auch wenn er in ihr emanzipiertes Leben passt wie Hemingway ins Männer-Spa). Themen wie Tapferkeit und Mühsal, Kampf und Leiden, ziehen sich durch sein Werk wie die Angelschnur durch das fischreiche Gewässer. Ernest Hemingway war ein Mann mit klarem Rollenverständnis. Er war Kriegsreporter und freiwillig an der Front. Er wurde schwer verwundet und hat sich schwer verliebt. Sein Gesicht hatte Falten, seine Geschichten Tiefe, bevor er sich 1961, an einer bipolaren Störung erkrankt, erschoss. Wie schon sein Vater.

Der Einstieg in seine Novelle, die ihm Mitte der fünfziger Jahre Pulitzer- und Literaturnobelpreis einbrachte, ist so deprimierend wie grandios. Alt, allein, klein, 84 Tage, ohne Fisch – kann es etwas Traurigeres geben? Trotzdem Vielleicht gerade deshalb ist die Erzählung, die in Hemingways Wahlheimat Kuba über die Bühne geht, so außergewöhnlich. Das Ein-Personen-Kammerspiel auf hoher See brennt sich als zeitloses Gleichnis ins Langzeitgedächtnis. Als Gleichnis für ein Dasein, dessen Sinnhaftigkeit nicht durch äußere Siege bestätigt werden muss.

Heute ist heute ist heute

„Heute war gestern schon morgen.“

Chima: „Morgen“ (2:10), auf: Stille (2012).

Moment mal: Wenn heute gestern morgen war, ist dann morgen heute gestern?

„Morgen ist heute schon gestern.“

Tic Tac Toe: „Morgen ist heute schon gestern“ (1:06), auf: Ist der Ruf erst ruiniert … (2000).

Und wenn morgen heute gestern ist, war dann gestern heute noch morgen?

„Gestern war heute noch morgen.“

Tylah & Mask: „Gestern war heute noch morgen.“ Auf: Gestern war heute noch morgen (2010).

Aha! Ziemlich kompliziert heute. Dann doch lieber das gute alte Carpe diem, pflücke den Tag. Oder „All You Need Is Now“, wie Duran Duran singen. Okay, die sind von Gestern, und morgen formuliert es ein anderer wieder ganz anders. Aber heute ist heute ist heute.

Peng! Hip-Hop lebt!

„Natur ist nichts weiter als Bewusstsein, das wächst, es sind wir, die wir werden im unendlichen Jetzt.“

Shaban & Käptn Peng: „Von Form zu Form“ (2:44), auf: Die Zähmung der Hydra (2012).

Peng! Da platzt dir die Hutschnur! Wer sich die Debütplatte des Brüderduos Shaban & Käptn Peng reinzieht, dem zerfetzt es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bewusstseinsblase (vorausgesetzt, er vertieft sich in die Textflut und hört das Meisterwerk nicht nur nebenbei). Und er stellt sich Fragen. Erstens: Wer sind diese Burschen, die sprechsingender Weise Plattitüden platt machen und aus der gereimten Sprache alles, aber auch wirklich alles herausholen möchten? Zweitens: Ist das noch phantastische Poesie oder schon WahnsinnPhilosophie? Und drittens: Ist deutschsprachiger Hip-Hop doch noch nicht durch?

Shaban & Käptn Peng sind schauspielernde Schauspielersöhne. Sie heißen Johannes und Robert Gwisdek und sind die Kinder von Michael Gwisdek und Corinna Harfouch. Es ist davon auszugehen, dass die Berliner ihr Talent für Theatralik, Rhythmik und Sprachgewandtheit buchstäblich in die Wiege gelegt bekommen haben. Aber dass sie derart auftrumpfen, wenn sie zu Beat-Computer und Mikrofon greifen, ist keineswegs selbstverständlich. Zeilen wie „Ich bin nicht verrückt geworden, ich hab mich selbst verrückt“ oder: „Bitte nehmen Sie eine Identität an, Anonymität ist die Maske von Tätern“ sind Beispiele ihrer kreativen Wort- und Denkkunst, die sich – wo gibt’s im Pop denn so was? -, erst beim mehrmaligen Hören erschließt. Das findet man höchstens noch bei Thomas Ds Reflektor Falke. Und deshalb: Ja wie jawoll! Wenn Hip-Hop auch so sein kein, dann hat er durchaus eine Zukunft. Eine mit schönen Sätzen statt mit Battle-Reimen.

Ewig fein

„Als er in ihr Leben trat, verspürte Judith einen stechenden Schmerz, der gleich wieder nachließ.“

Daniel Glattauer: Ewig Dein (2012). Deuticke, 2012.

Keine Sorge Pech gehabt, hier geht es nicht um fesselnde BDSM-Prosa. Auch bissige Vampirromanzen oder Piercing-Krimis könnten so beginnen, gehören jedoch nicht zu den Spezialgebieten des Autors und Journalisten aus Wien. Wer da einen Einstieg findet, dessen Doppeldeutigkeit sich erst im Lauf der Geschichte entfaltet wie ein Geschwür mit schlechten Heilungschancen, ist Daniel Glattauer. „Ewig Dein“ ist ein schaurig-schönes Psychodrama mit Thriller-Elementen, das keine Peitsche braucht und auch kein Blut, um unter die Haut zu gehen. Denn während die eingangs beschriebene Pein am Fuß, ausgelöst durch das Gedränge in der Käseabteilung, gleich wieder nachlässt, beginnt der Seelenschmerz erst sich aufzubauen, den der Fersentreter in der Raulederjacke der Protagonistin zufügt. Ein scheinbar einfacher szenischer Einstieg, in dem jedoch der ganze Roman lauert. Chapeau!

Dieser Glattauer ist schon ein feiner Beobachter. Wie er zwischenmenschliche Beziehungen sich entwickeln lässt, nachvollziehbar, detailreich, wortgewaltig, ist eine Schau. Darin ist der studierte Pädagoge ein Meister. Damit gelang ihm der Durchbruch. Auch seine in aller Welt gelesenen E-Mail-Romane Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009) fußen auf der Stärke der akribisch beschriebenen Anziehungskraft.

PS: Im Buch ist leider nicht notiert, ob Judith nach dem Fersentritt ein schmerzerfülltes Geräusch von sich gibt. Aber wahrscheinlich hat sie glatt „Aua“ geschrien (Glattauer möge es mir verzeihen …).

Das Beste an Bernd Begemann

„Ich hab nichts erreicht außer dir, bitte bleib bei mir, denn das Beste an mir sind wir.“

Bernd Begemann: „Ich hab nichts erreicht außer dir“ (0:36), auf: Unsere Liebe ist ein Aufstand (2004).

Also stapelt er mal wieder tief, der Grandseigneur der Hamburger Schule. Denn das Beste an ihm ist keineswegs sie oder irgendwer – das ist schon immer er selbst gewesen. Er, der aus Bad Salzuflen aufgebrochen war, um Entertainer zu werden; der als One-Man-Show viele Jahre durch die deutschen Clubs tingelte und mit verschiedenen Bands lustige, aber auch wegweisende Dinge anstellte. Scham und Scheu scheint er in Westfalen-Lippe zurückgelassen zu haben, experimentierfreudig ist er noch immer. Klebriger Befindlichkeitspop, sagen die einen. Und wenn schon. Solange dabei so herrliche Zeilen wie diese herauskommen, darf der Mainstream-Gegenschwimmer ruhig nach Reinhard Mey Jürgen Drews Schlagerfuzzi deluxe klingen.

Außerdem – und das ist nicht das schlechteste Argument – kann sich der Autor dieser Zeilen aus einem sehr konkretem Grund nicht dagegen wehren, Bernd Begemanns Initialen gut zu finden.

Die fünfzehn beliebtesten Lieblingssätze

Seit einem Jahr gibt es Lieblingssaetze.de. 70 meisterhafte Wortgebilde aus Literatur, Musik und Film haben es in das Museum geschafft. Die Resonanz war sehr unterschiedlich. Aus Anlass des Einjährigen präsentieren wir die beliebtesten 15 in einer Liste, die sich aufgrund des Feedbacks via Facebook ergibt. Überraschung (oder auch nicht): Ein Autor aus Österreich konnte sich zweimal platzieren.  Weiterlesen

Ein Jahr Lieblingssätze

Das Museum der schönen Sätze wird eins! Zeit für eine Zwischenbilanz:

  • 70 Sätze umfasst die Sammlung Ende Juli 2012.
  • 136 Facebook-Freunden gefällt das.
  • 4300 Mal wurde das Museum bisher besucht.
  • Die Zeitschrift Federwelt schrieb:
    „Lassen Sie sich inspirieren vom Museum der schönen Sätze … Mit seinem Museum der schönen Sätze hat der Autor und Redakteur aus München einen Ort geschaffen, an dem einzelne Sätze groß herauskommen … Unter http://www.lieblingssaetze.de finden Sie meisterhafte Sätze aus aller Welt. Blöchl hat sie ausgewählt und kommentiert … Toll ist, dass er auch Werke und Autoren in der Literaturlandschaft verortet.“
  • Der Schriftsteller Paul Mesa bemerkte:
    „Sie sollten mal in diesem zeitgemäßen ‚Museum‘ vorbeischauen, das den Titel ‚Zur Sache, Sätzchen!‘ trägt.“
  • Symbolisches Lob kam von Axel Hacke:

Axel Hacke

Danke dafür und weiterhin viel Freude mit den Lieblingssätzen. Falls Sie Wünsche oder Anregungen haben, dann schreiben Sie mir bitte (Kontakt siehe „Info“; oder hinterlassen Sie hier einen Kommentar).

Kleine Göttin, große Kunst

„Wer da im Bad von Zimmer 314 ein Kondom durchpikst, ist Bica (1,49 m; trinkt am liebsten einen Galao).“

Paul Mesa: Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit (2010). Rowohlt, 2011.

Wer da am Anfang von Roman 1 das Gummiband des Gewöhnlichen durchpikst, ist Paul (einskommairgendwas; trinkt am liebsten guten Espresso, wahlweise bei einem Buch oder einer schönen Aussicht). Paul heißt Mesa und nennt sich Waldscheidt. Stephan Waldscheidt. Unter diesem Pseudonym schreibt der geborene Saarbrücker und gelernte Texter Satiren, Glossen und Schreibratgeber.

In seinem Romandebüt zeigt Mesa, dass er nicht nur ein gründlicher Coach ist, sondern sein theoretisches Wissen auch exzellent selbst in die Praxis überführen kann. Schon der erste Satz ist bezaubernd. Und wirft mindestens sechs Fragen auf, auf deren Antworten hoffend, man selbstverständlich weiterliest: Wer ist Bica, warum heißt sie so und warum ist sie so klein? Weshalb nimmt sie Parisern ihre Existenzberechtigung, was treibt sie in einem Hotel, und was ist gleich noch mal ein Galao? Dass alle in der skurrilen Familienkomödie auftretenden Personen nach Größe und Lieblingsgetränk kategorisiert werden (in Klammern, wohlgemerkt), ist typisch für das charmante Buch um Flucht und Sucht nach Liebe, Kinderwunsch und Reiselust. Verblüffende Ideen gibt es hier zuhauf. Dass der Grafiker beim Kleinen Schloßhotel das „l“ vergessen hat, ist eine davon.

Lolitas Reiz

„Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.“

Vladimir Nabokov: Lolita (1955). Rowohl 1999.

Lo-li-ta. Da schnalzt die Zunge. Nicht nur die des lustfreudigen Literaturwissenschaftlers Humbert Humbert, den uns Vladimir Nabokov (1899 bis 1977) in seinem bekanntesten Roman als zweifelhaften, weil hebephilen Ich-Erzähler präsentiert. Auch der Leser freut sich über so einen li-la-lupenreinen Meisterbeginn. Ohne Verben kommt sie aus, diese feurige Eröffnung, die so vieles verspricht und wenig vermissen lässt. Klangmalerei, Alliteration, Rhythmik – Nabokov zieht alle Stilregister, und ähnlich macht er weiter: „Meine Sünde, meine Seele.“ Eine Anleitung zum Nachsprechen folgt sogleich: „Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne.“ Dritter Satz: erstklassig!

Der Roman um die sexuelle Beziehung von Humert Humbert zu der zwölfjährigen Dolores, die er Lo oder Lolita nennt, war selbstverständlich umstritten. Der Romananfang ist unumstritten. Unumstritten grandios.

Gonzo ganz groß

„Wir waren irgendwo bei Barstow am Rande der Wüste, als die Drogen zu wirken begannen.“

Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken in Las Vegas (1971). Goldmann, 1998.

Wie bei einem gottverdammten Drogenrausch die Wirklichkeiten, so vermischen sich beim Gonzo-Journalismus reale, autobiographische und fiktive Erlebnisse zu einem intensiven Ereignisnebel. Hunter S. Thompson (1937 bis 2005) hat diese hochgradig subjektive Form des New Journalism wenn nicht salon-, so doch zitierfähig gemacht. Der US-amerikanische Autor hat durch seine Exzentrik nicht nur den 1967  gegründeten „Rolling Stone“ auf Kurs gebracht („Alle eiern, einer rollt“). Mit „Fear And Loathing In Las Vegas“ hat er wenige Jahre später den Roman zum eigenen Stil geschrieben.

Eine Geschichte über Flucht und Scheitern, die radikal mit dem American Way Of Life abrechnet und mit Johnny Depp 1998 verfilmt wurde. Das erbarmungslos überdrehte Roadmovie um einen Sportreporter und seinen skurrilen Anwalt Dr. Gonzo basiert auf zwei Reisen, die Thompson 1971 nach Las Vegas unternommen hat. So schnell und betörend wie die Drogen bei den Protagonisten wirkt allein der erste Satz auf den Leser. Der Rest ist: Rausch.