Lieblingsplatten 2014

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten mit meinen Lieblingsplatten 2014. Ein paar davon haben es mit ihren Songzeilen ins Museum der schönen Sätze geschafft. Hörenswert sind sie alle. Sätze wie Platten.

  1. Jack White: Lazaretto
  2. Ja, Panik: Libertatia
  3. Conor Oberst: Upside Down Mountain
  4. Jens Friebe: Angst, zieh dich an, wir gehen aus
  5. Weezer: Everything Will Be Right In The End
  6. Damien Rice: My Favourite Faded Fantasy
  7. Alt J: This Is All Yours
  8. Tweedy: Sukierae
  9. The Smashing Pumpkins: Monuments To An Elegy
  10. AC/DC: Rock Or Bust
  • Soundtrack des Jahres: Wish I Was Here
  • Newcomer des Jahres: Bilderbuch: Feinste Seide (EP)

Lieblingsbücher 2014

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten meiner Lieblingsbücher, die ich 2014 gelesen habe. Viele davon haben es mit ihren ersten Sätzen ins Museum der schönen Sätze geschafft. Lesenswert sind sie alle. Sätze wie Bücher.

 

Books

  1. Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt
  2. Heinrich Steinfest: Der Allesforscher
  3. Wolf Haas: Brennerova
  4. Nick Hornby: Miss Blackpool
  5. David Nicholls: Drei auf Reisen
  6. Robert Gwisdek: Der unsichtbare Apfel
  7. Richard Lorenz: Amerika-Plakate
  8. Joachim Lottmann: Endlich Kokain
  9. Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe
  10. Matt Haig: Ich und die Menschen

Außer Konkurrenz, gleichwohl die größten Herzensangelegenheiten: die Buchveröffentlichungen von meiner Liebsten und mir (bzw. in diesem Jahr von Julian, der Romanfigur aus meinem Roman „Für immer Juli“):

Kraftvoll bis zum Sch(l)uss

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Rowohlt, 2014.

Es ist dies sein letzter erster Satz. Ein gehaltvoller, die Dinge zurechtrückender erster Satz. Sein letzter, wie gesagt: Wolfgang Herrndorf hat sich 2013 in Berlin das Leben genommen, genauer: Er hat seinen Hirntumor abgeknallt, der ihm das Leben nehmen wollte. „Bilder deiner großen Liebe“ hat er nicht vollenden können, die Spin-Off-Geschichte zu seinem Bestseller Tschick bleibt für immer ein unvollendeter Roman. Einer, der von Isa handelt, jenem verrückten und ganz und gar nicht bescheuerten Mädchen, das bereits in „Tschick“ einen denkwürdigen Auftritt hatte und sich hier auf eine intensive Wanderschaft durch die Natur und die Welt wundersamer Menschen macht. Der Roman mag unvollendet sein, hier und da in sich widersprüchlich, doch ist er weit mehr als ein Fragment oder ein „kaputtes“ Werk, wie im Anhang notiert ist. Herrndorfs Sprachkraft, seine wütende Poesie, sein Gespür für raue Randfiguren und deren Lebenssound dürfen noch einmal hitzig aufflackern. Dann der finale Schuss. Sein letztes letztes Wort: „Waffe“.

Schmerzens-angelegenheiten

  • „If i had tried to make you mine / You would’ve walked away / Life can’t compete with memories / That never have to change.“ („Artifact #1“)
  • „Freedom is the opposite of love.“ („Lonely At The Top“)
  • „It ain’t perfect / Nothing is / There is still room to grow“ („Double Life“)
  • „I’m blessed with a heart that doesn’t stop.“ („Zigzagging Toward The Light“)
  • „Home is a perjury, a parlor trick, an urban myth“ („Zigzagging Toward The Light“)
  • „Love was the message, full stop.“ („Hundred Of Ways“)

Conor Oberst, auf: Upside Down Mountain (2014).

Conor Oberst ist so einer. Einer, der Lyrik vergoldet. Leider auch Lyrik vergeudet, und das ist das Problem. Ein Luxusproblem, freilich. Der Indie-Folk-Heiland aus Omaha packt derart viele Lieblingssätze in seine textreichen Songs, dass sie bisweilen untergehen in der Flut aus musikalischer Ekstase und rauschhafter Katharsis. Mitunter auch im Live-Genuschel. Dabei sind seine Worte mindestens brillant, weil stark verdichtet, bildhaft und von zauberhafter Poesie. Egal ob auf Bright Eyes-Platten oder, wie zuletzt, auf seinen Soloalben. Für seine Schmerzens-angelegenheiten muss man Oberst lieben. Wenn seine Sehnsuchtsstimme flattert, ist es im Publikum still wie im Herz eines Ungeliebten.

Blaulicht im Rotlicht

„Weil du kennst als Blaulicht dein Rotlicht.“

Wolf Haas: Brennerova, Hoffmann und Campe, 2014.

Jetzt ist schon wieder nix passiert. Ob du es glaubst oder nicht, aber auch der achte Brenner-Fall kommt ohne die kultisch verehrte Eröffnung aus, die Wolf Haas in den späten Neunzigern zum Popstar unter den Krimischreibern gemacht hat. Passieren tut freilich schon etwas, viel sogar, frage nicht. Frauendilemma Hilfsausdruck. Und Lieblingssätze haut er auch wieder raus, der Leser-Duzer namens Erzähler. Da braucht man sich nur das obige Beispiel anzuschauen. Nur halt nicht ganz zu Beginn, wobei „Früher hat man gesagt, die Russinnen“ gar nicht mal so schlecht ist. Für den Anfang. Und Lieblingswörter! Jede Menge. Frauentränenumfaller. Solche Sachen. Mehr über „Brennerova“ habe ich für die SZ aufgeschrieben. Quasi Buchtipp. Und hier geht’s zu meinem Porträt über Wolf Haas, ebenfalls erschienen in der Süddeutschen Zeitung.

SZ_Haas

Erschienen am 16. Oktober 2014 in SZ Extra, der Kulturbeilage der Süddeutschen Zeitung. Weitere Einträge zu Wolf Haas im Museum der schönen Sätze: hier.

Lieblingsgäste (21): Lütfiye Güzel

Lieblingsgäste_GüzelIn der Sammlung „Lieblingsgäste“ kommen die Besucher zu Wort und präsentieren ihre Lieblingssätze aus Literatur und Pop. Im 21. Teil stellt uns Lütfiye Güzel ihre Favoriten vor – eine raue, lyrische Mischung, die J. D. Salinger und REM vereint, Camus und Bokowski. Die Duisburger Autorin, Jahrgang 1972, schreibt Gedichte und Kurzgeschichten und hat bisher drei Bücher veröffentlicht, zuletzt „Trist Olé“ in der Dialog Edition Duisburg. Ihren eigenen Roman würde sie mit einem einzigen Wort eröffnen: „So.“  

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Absolute Näsler

„Denn im Großen und im Ganzen haben wir allen Grund zum Tanzen.“

Jan Delay: „St. Pauli“ (1:21), auf: Hammer & Michel (2013).

Jan Delay ist ein Spaßvogel, besser gesagt: eine Spaßbiene. In der aktuellen Size-Zero-Kinoversion der Biene Maja spricht der Hamburger Hip-Hop-Näsler den Willi, was selbstverständlich hervorragend passt, weil Majas bester Freund schon in der Originalfassung (Eberhard Storeck, der auch Snorre aus „Wickie und die starken Männer“ synchronisierte) sprechzischt, als wäre er an der Seite von Delay in der Urformation seiner Absoluten Beginner groß geworden. Zwar kann Willi schon mal ein miesepetriger Schisser sein, und doch verbindet die beiden eine gewisse lebensbejahende Einstellung zum Großen und Ganzen. Grund zum Tanzen finden sie immer. Ob Willi allerdings auf St. Pauli fliegt, darf bezweifelt werden. Er ist ja eher so der Landbrummer.

Mein Freund, der Braum

„Es war der zweite Frühlingstag des Jahres, der 4. März 2013, als Stephan Braum einen jungen Mann traf, der sein Leben – wenn das, was er bis dahin würgend dahingestottert hatte, Leben genannt werden kann – auf den Kopf stellte.“

Joachim Lottmann: Endlich Kokain. KiWi, 2014.

Auch ein Buchrücken kann entzücken. Vor allem einer, auf dem groß und fett wie der Protagonist der Geschichte zwischen filigraner Handschriftimitation die Worte protzen: „ES KOMMEN DROGEN, SEX UND ABENTEUER.“ Aber ja, das macht neugierig. Ein bisschen schade ist es aber auch, dass durch die überaus präzise Vorausdeutung der erste Satz des Romans – ein geschickt gebautes Ködernest – an Zauberkraft verliert, weil die Phantasie gerade mit Vögeln auf Koks davonfliegt. Gleichwohl darf man sich nach dieser Eröffnung auf eine ungeheuerliche Wandlung eines Mannes namens Braum gefasst machen. Eines ausgebrannten Medienkolosses und Vollzeitspießers, dessen Kokaindiät ihm neues Leben schenkt – mit Anerkennung, Frauen und allem Pipapo. Sogar mit Glück. Joachim Lottmanns zynische Satire ist eine rauschhafte Abrechnung mit völlig überdrehten Künstler-, Politiker-, Vip- und Medienkreisen in Wien, Berlin und überall. Das Beste aber ist: Den Kater danach braucht man nicht zu fürchten. Der fällt aus, das steht fest wie die Anziehungskraft des Buchrückens.

Die größere Kunst der Welt

„Es fing an wie üblich, auf der Damentoilette des Lassimo-Hotels.“

Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt. Fischer Taschenbuch, 2013.

Erste Sätze mit Toilette: Griff ins Klo oder Hochglanzpolitur? Sofern sie raffiniert gestrickt sind wie Jennifer Egans Einstieg oder der von Nick Hornby in Juliet, Naked, funktionieren sie bestens. Als Schlüsselloch für den Voyeur in uns, als Lockstoff für Neugierige, die wissen wollen, was in besagtem WC so vor sich geht, und warum „wie üblich“. Der Leser folgt, in diesem Fall garantiert, und ehe er sich’s versieht, ist er bereits hineingesogen in den Strudel einer Geschichte, die von Mikro- zu Makrokosmos, von San Francisco nach Südafrika, vor und zurück durch die vergangenen Jahrzehnte springt, dass einem ganz schwindelig wird. Das liegt an der großen Erzählkunst der New Yorker Autorin und Journalistin, Jahrgang 1962, die für ihr Meisterwerk (im Original: „A Visit from the Goon Squad“) 2011 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Es geht um den Wandel der Musikbranche, die Facetten der Liebe, die Beständigkeit der Freundschaft, um Ideale, Träume und Verrat. Vor allem aber ist der Gesellschaftsroman ein Buch über die Zeit. Über das Verrinnen der Zeit und die Furchen, die sie dabei gräbt. Weiterlesen

Lieblingsgäste (20): Nikki Q.

Nikki_05In der Sammlung „Lieblingsgäste“ kommen die Besucher zu Wort und präsentieren ihre Lieblingssätze aus Literatur und Pop. Im 20. Teil stellt uns Nikki Q. ihre Favoriten vor – eine verspielte Mischung, die David Benioff, Jefferson Airplane und Frederick, die Maus, vereint. Nikki ist Autorin und Designerin mit einer Vorliebe für gute Geschichten und alles, was mit Wörtern zu tun hat: „Wortwitze, Zitate, Wortfuchsereien, Wortspiele, Wortwirrungen, Sprichworte. Und Antworten.“ Auf ihrem Blog geht es um „Wahrnehmung, Inspiration, Gedankenblasen, Kreativität, Intuition, Assoziation und Hirnfürze.“

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