Getagged: Musik

Panik in Wien

„Es ist die Stadt der Menschenfresser, o Wien, du bist ein Taschenmesser.“

Ja, Panik: „Wien, du bist ein Taschenmesser“ (2:40), auf: The Taste and the Money (2008).

Ja, Panik sind eine famose junge Kapelle aus Österreich. Also eigentlich sind sie gar keine Kapelle, sondern eine Indierock-Band. Und Österreich stimmt auch nicht ganz, weil sie mittlerweile in Berlin (wo sonst?) am neuen deutschen Politpop herumfuhrwerken. Aber famos ist korrekt. Denn wie der Sänger und Hauptakteur Andreas Spechtl in bester Falco-Eigenart singspricht, ist eine Schau. Und wie er Deutsch, Englisch und Österreichisch in seinen betörenden Texten verquirlt, als gäbe es keine Sprachbarrieren, ist höchst erfrischend! Zum Beispiel das: „Sorry for my bad english, but my German is even worse.“ Hatten wir schon, macht aber nix. Nicht schlecht, Herr Spechtl!

Inas Nacht mit Britt

„Immer wenn ich Britt popp, hören wir Oasis.“

Ina Müller: „Brittpop“ (0:39), auf: Das wär dein Lied gewesen (2011).

Ina Müller, Jahrgang 1965, wird ja gerade als möglicher neuer Thomas Gottschalk gehandelt. Wetten, dass sie es nicht wird? Dafür ist die Moderatorin („Inas Nacht“), Sängerin und saukomische Kleinkunstdame (Queen Bee) viel zu gut. Das norddeutsche Naturtalent führt bessere Interviews, als es Gottschalk je können wird; sie sieht besser aus, als es Gottschalk je tat; kurzum: Das zwanghaft doofe Fernsehvolk (ZDF) hat sie nicht verdient, diese Supernova der charmanten Unterhaltung. Den öffentlich-rechtlichen Entscheidern wäre Müller ohnehin zu eigensinnig. Wie pointiert und verschmitzt sie sein kann, zeigt der Song „Brittpop“. Gut, da hatte der Textgott Frank Ramond seine Finger im Spiel. Aber egal. Von Ina Müller darf man noch einiges erwarten. Wetten, dass?

Bosse in der Metropole

„Dein Herz war mal ruhig und leer, jetzt ist es voll wie Shanghai und ziemlich vulgär, und man verläuft sich leicht in den vollen Gassen, ich bin da und kann’s trotzdem nicht lassen.“ 

Bosse: „Metropole“ (0:20), auf: Wartesaal (2011).

Bosse, 1980 als Axel Bosse in Braunschweig geboren, sitzt schon ein paar Jahre im Wartesaal. „Im Wartesaal zum Glücklichsein“, wie er dichtet und singt, was indes nur auf seinen kommerziellen Erfolg anzuwenden ist (vielleicht ist Axel, der Mensch, bereits glücklicher, als andere es je werden – wer weiß das schon?): Seine Debütplatte jedenfalls war bereits 2005 erschienen, aber es sollte bis 2011 dauern, ehe Mainstream-Deutschland kapierte, wen es da so lange verpasste. Mit „Wartesaal“, dem vierten Album des Songwriters, gelang Bosse nicht nicht nur der direkte Chart-Einstieg. Seine Kunst, geschliffene und offenherzige Worte mit passenden Melodien und Arrangements zu verkuppeln, erreicht hierauf einen Höhepunkt.

Oder, um Oliver Uschmann zu zitieren, den Wortguru, der Axel Bosse sehr verehrt: „Intimität ist selten in der Rockmusik. Noch viel seltener geht sie mit kompositorischem Können zusammen. Wer jedes Wort mit Bedacht wählt und die Arrangements musikalisch den Themen der Stücke anpasst, gilt als Architekt mit Formwille, aber wo Baupläne sind, können nicht ungefiltert Emotionen fließen. Sagt man so. Axel Bosse beweist auf seinem vierten Studioalbum ,Wartesaal‘ das Gegenteil, denn alles greift hier ineinander.“

Massive Models

„Fuck Yoga, fuck Pilates, trink Cola, schnapp‘ dir den Nachtisch!“

Massive Töne: „Topmodel“ (1:19), auf: Zurück in die Zukunft (2005).

Hallo?! Hier, ja genau, hier ist das Wort! War ja klar, dass alle erstmal auf das Video glotzen, statt erklärende Texte zu lesen. Für diejenigen, die sich nicht angesprochen fühlen (oder mit dem Video zum zweiten Mal durch sind) – hier gibt’s die Infos: Das Kollektiv der Massiven Töne hat sich 1991 dort gegründet, wo die Fantastischen Vier gleichzeitig den deutschsprachigen Hip-Hop Charts-kompatibel gemacht haben: in Stuttgart. Wie ihre Premiumkollegen kommen auch sie ohne Protzprosa oder Schwachsinnsschwall aus, sondern widmen sich lieber der Sprachspielerei und den verschmitzten Pop-Versen. Wenngleich ein wenig in Vergessenheit geraten, bieten die Massiven Töne durchaus Gründe zur Wiederentdeckung. Und zum Schmunzeln. Darauf eine Cola. Und einen Nachtisch. Jetzt wieder Video gucken – von mir aus.

Heinz, der Schlawi(e)ner

„Denn wenn schon, dann denn schon, darauf warten wir längst schon, man darf doch mal träumen, sich eine Chance einräumen.“

Heinz aus Wien: „Wunder von Wien“ (0:37), auf: Wunder von Wien (2008).

Nun hat das ja nicht so ganz geklappt mit dem Wunder von Wien im Jahr 2008. Und wie die famos besungene österreichische Fußball-Nationalmannschaft müssen sich auch Heinz aus Wien oft geschlagen geben, wie zuletzt beim Eurovision-Song-Contest-Bewerbungsversuch mit „É Cosi“. Dabei hat die Ösi-Indie-Kappelle den Rot-Weiß-Rot-Kickern eines voraus: Die Burschen sind richtig gut. Also beim Krachmachen und Texten zumindest. Was der Stenz von Sänger Michi Gaissmaier aufschreibt, ist sprachlich oft eine Schau. Schönklingend, wortschöpferisch, doppelsinnig. Der singt dann so Sachen wie „Ich wär gern im Team mit dir“, meint dabei aber nicht den Fußball, sondern einen Mannschaftssport zu zweit. Leiwand, quasi.

Thees’ Dorf-These

„Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten.“

Thees Uhlmann: „LAT- 53.7 LON- 9.11667“, auf: Thees Uhlmann, 2011.

Schon wieder Thees. Für die einen ist er der näselnde Minnesänger 2.0. Für die anderen (dazu zählt sich der Autor) ist der Musiker, Songwriter, Produzent, Label-Betreiber und Ex-Backliner der liebenswerteste Lyriker, den die Hamburger Schule je hervorgebracht hat. Egal ob in seiner Band Tomte oder nun auf seiner ersten Soloplatte – Uhlmann formuliert offenherzig und ohne Scham Sätze, gerne Metaphern, die an die emotionale Intelligenz appellieren. Wenn Tocotronic das Hirn der Bewegung waren, dann ist Thees das Herz. Nur eine These.

Fox ohne Faxen

„Nur noch konkret reden, gib mir ein ja oder nein, Schluss mit Larifari, ich lass all die alten Faxen sein, sollt‘ ich je wieder kiffen, hau ich mir ’ne Axt ins Bein, ich will nie mehr lügen, ich will jeden Satz auch so meinen.“

Peter Fox: „Alles Neu“ (1:59), auf: Stadtaffe (2008).

Peter Fox, Jahrgang 1971, ist einer dieser Sänger, die man auf Anhieb an der Stimme erkennt. Also Sänger stimmt nicht ganz, eher Rapper oder Reggae-Sprecher. Aber dieses wuchtige, klare, melodische Parolenbetonen, das kann er wie keiner. Der Berliner, der eigentlich Pierre Baigorry heißt und Sonderschul-Pädagogik studiert hat, kann Sätze nicht nur verständlich und rhythmisch herausposaunen, er kann auch kreativ und wortgewaltig texten. Egal ob für Seeed oder solo – hier ist ein besonders schlauer Fox am Werk.

Herrenmagazin mit guten Zeilen

„Du hast den Faden verloren, doch du strickst immer weiter, du stößt auf taube Ohren, darum redest du lauter.“

Herrenmagazin: „Hals über Kopf“ (1:16), auf: Das wird alles einmal dir gehören (2010).

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Denn hier geht es nicht um die windige Dick-Lit einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen!