Getagged: Musik
Supersonic mit Gin Tonic
„I’m feeling supersonic, give me gin and tonic, you can have it all but how much do you want it?“
Oasis: „Supersonic“ (0:37), auf: Definitely Maybe (1994).
Oasis gibt es (vorerst) nicht mehr (1991 bis 2009). Da hilft auch kein Gin. Tonic schon gleich gar nicht. Zu verschieden waren die Vorstellungen der Gallagher-Brüder, die sich gerade in den Kleinkindjahren des von ihnen großgezogenen Britpop gegenseitig zu Supernovaliedgut herausgefordert hatten. Was bleibt – neben den Songs -, sind energiegetriebene Euphoriesätze wie dieser hier.
Und die Soloprojekte der beiden: Während Noel, der Ältere, mit den High Flying Birds jene alten Überschallgeschwindigkeitsgefühle zurückholen möchte, versucht es Liam mit Beady Eye. Dabei verhält es sich mit den beiden wie mit Gin und Tonic: Kann man alleine genießen, aber glücklicher macht das Zusammenspiel.
Gisbert zu Herzhausen
„Schenk du uns die Drinks ein, ich schütte dir mein Herz aus.“
Gisbert zu Knyphausen: “Erwischt” (1:03), auf: Gisbert zu Knyphausen (2008).
Erwischt! Es müssen Dutzende, ach was, Hunderte Drinks gewesen sein, die dem Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau eingeschenkt wurden. Gemessen daran, wie offenherzig Gisbert zu Knyphausen Liedtexte schreibt, müssen er und seine Muse ein trinkfestes Gespann sein.
Hin und wieder liest man von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel Bosse, Nobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Hatten wir schon, macht aber nix.
Melancholie zu Knyphausen
„Fick dich ins Knie, Melancholie, du kriegst mich nie klein.“
Gisbert zu Knyphausen: „Melancholie“ (2:58), auf: Hurra! Hurra! So nicht. (2010).
Sagt der, dessen stärkste Muse Melancholie heißt. Aber so ist er, der Herr von und zu: Bloß nicht zu einfach denken. Simpel sind Männer, simpel ist Fußball, nicht aber das Leben. Das hat der Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau längst erkannt. Und pflegt sein Faible für die komplizierte Welt. Für den Müll des Lebens und die Schmerzen im Herzen. Er vertont die Hasslieben des Lebens.
Hin und wieder liest man in diesem Zusammenhang von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel Bosse, Nobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Was soll noch kommen? Herr Knyphausen bitte:
„Und so wie es war, soll’s nie wieder sein, so wie es ist, darf’s nicht bleiben, und wie es dann wird, kann vielleicht nur der bucklige Winter entscheiden.“ (1:55).
Werben ohne Verben
„Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn, im Zweifel für’s Zerreißen der eigenen Uniform.“
Tocotronic: „Im Zweifel für den Zweifel“(0:22), auf: Schall und Wahn (2010).
Schon wieder die Schlaubischlümpfe der Hamburger Schule. Lassen einmal mehr den Diskursheini raushängen. Mit Worten, die zwar komisch klingen, aber zu der Überlegung führen: Im Zweifel für den Zweifel, ob ein Satz unbedingt ein Verb braucht, um sich als Satz an den Türstehern des elitären Wortclubs vorbeizuschlängeln. Gerade das Werben für die eigene Überzeugung – und darum geht es hier – funktioniert ohne dahinschleichende Verben gar bestens. Aber zurück zu Tocotronic: textlich mal wieder 1a. Eins, setzen, Streber!
PS: Die Hamburger Schule hat Zuwachs bekommen. Vier Burschen aus Husum liefern gerade ein Debüt ab, das vor starken Sätzen nur so strotzt (demnächst mehr an dieser Stelle). Vierkanttretlager scheinen tatsächlich den Brückenschlag zu meistern zwischen Alter und Neuer Indie-Schlaubischlumpf-Schule. Im Zweifel für den Zwitter. Schluss, aus, raus!
Element of Romantik
„Bei mir geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt.“
Element of Crime: „Seit der Himmel“ (0:43), auf: Romantik (2001).
Dass Sven Regener ein wortgewandter Erzähler ist, haben wir an anderer Stelle bereits gewürdigt. Ursprünglich entwickelte der Bremer Stadtmusikant sein Talent zum Schreiben aber als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime. Zuerst noch ins Englische flüchtend, entdeckte der knurrige Poet bald den Reichtum seiner Muttersprache. Seitdem überrascht er den Plattitüden gewöhnten Pop-Hörer mit phantasievoller Kurzprosa, liebenswerten Träumereien und lyrischen Absurditäten. Er erklärt nicht viel in seinen Texten, lieber regt er an, der Regener.
Jetzt statt Liebe
„All you need is now.“
Duran Duran: „All you need is now“ (1:06), auf All you need is now (2011).
All you need is now. Singt eine Band, deren größtes Jetzt im Gestern war. In den Achtzigern, als die Nummer The Wild Boys in den Mainstream der Radiosuppe gestupst wurde und noch heute in den seichten Gewässern der Hit-Flößer herumdümpelt. Auch die Soundästhetik der 2011 erschienenen 13. Platte ist nur scheinbar jetzig und eigentlich gestrig (Refrain!). Aber ein schön-schlauer Satz, zugegeben. Und darum geht’s hier schließlich.
Praying Pumpkins
„If there is a God, I know he likes to rock.“
Smashing Pumpkins: „If there is a God“ (0:06), auf: Machina II/The Friends and Enemies of Modern Music (2000).
The Smashing Pumpkins, gegründet 1987 und 2006, sind eine der größten Alternative-Rockbands, die Gott auf der Erde Krach machen lässt. Billy Corgan, Chef-Glatzkopf, Gitarrenguru, Songschreiber und Sänger der Gruppe aus Chicago, hatte 2000 ein göttliches Geschenk an seine Fans zu verteilen: Kurz vor der (vorläufigen) Auflösung der Band brachte er ein Abschiedsalbum heraus, das er seinen Rockjüngern kostenlos im Internet zugänglich machte, weil die Plattenfirma zuvor herumgezickt hatte. Darauf befand sich dieser Song. Gott muss ihn wohl gehört (und Billys Flehen erhört) haben, denn schon wenige Jahre später hauchte er dem begnadeten Musiker die Botschaft ein, die Smashing Pumpkins doch bitteschön wiederzubeleben. Was Corgan dann auch tat, wenngleich mit neuen Kollegen. Und so sehnsuchtsrocken sie noch heute. Amen.
Zu jung für Kurt Cobain
„Und ich langweile mich, wo zum Teufel bleibt die Action, bei euch starb Kurt Cobain, bei uns ein bleicher Michael Jackson.“
Kraftklub: „Zu jung“ (1:18), auf: Mit K (2012).
Kraftklub („Mit K“, worauf schon der Titel ihres Debütalbums dezent hinweist) sind eine frische Crossover-Truppe aus Chemnitz. Die Beatsteaks ohne Singstimme, wenn man so möchte. Und fast ohne Reime. Dafür in jung. Und das ist das Problem: Sie sind „zu jung für Rock’n’Roll“, wie sie selbst grölen. Aber genau dafür möchte man ihnen – generationenübergreifend, quasi – auf die schmalen Schultern klopfen. Dass es endlich mal jemand auf den Punkt bringt und dieses grenzenlos Verständnisvolle, allzeit Brave, immer Gefasste, unbedingt Vernünftige der Neunziger- und Nuller-Anstandsbubis durch den Dreck rappt. Überhaupt sprechsingen die Indie-Rapper mitunter munter über unbequeme, unpopuläre Meinungen („Ich will nicht nach Berlin“). Weiter so! Kurt Cobain wäre stolz auf euch. Vielleicht.
Fanta Vier mit Phantasie
„Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf.“
Die Fantastischen Vier: „MfG“ (1:05), auf: 4:99 (1999).
Die Fantastischen Vier traten noch vor dem Mauerfall 1989 an, deutschsprachigen Hip-Hop massentauglich zu machen. 20 Jahre später haben sich die Stuttgarter als S-Klasse der Rap-Rasselbanden etabliert, mit schönen Zeilen und knackfrischen Beats. Aber Moment mal: Zwei Jahrzehnte Hip-Hop? Das ist ja fast wie Silberhochzeit! Ihr gottschalkscher Anspruch an sich selbst lautet deshalb: „Aufhören, bevor wir dated sind.“ Jedoch: Solange sie auffallen, werden sie nicht fallen.
Kennzeichen D
„Und ihr seht mich als Punkt am Horizont verschwinden, um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden.“
Thomas D: Rückenwind (4:19), auf: Solo (1997).
Thomas D, Jahrgang 1968, ist auch außerhalb der berühmten Vier fantastisch. Nicht immer, aber meistens. Er battlerappt nicht, er prollreimt nicht, er kommerzschreit nicht. Stattdessen reflektiert er, philosophiert er, phantasiert er. Versierter als andere. Und haut Zeilen raus, die mit „Dicker Pulli an, Mann“ keine Faser mehr gemein haben. Das fing schon mit seiner ersten Solo-Single an, aus der oben zitiert wird (eine wunderbare Reisehymne). Und hört mit den „Lektionen in Demut“ hoffentlich noch lange nicht auf. Genügend Rückenwind hat er jedenfalls noch, der heroische Hip-Hop-Humanist.