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Wassermusik im Blut
„Während die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat aussäten, stellte Mungo Park dem Emir von Ludamar, Al-Hadsch‘ Ali Ibn Fatoudi, seine bloßen Hinterbacken zur Schau.“
T. Coraghessan Boyle: Wassermusik (1980). Rowohlt, 1997.
Keine Frage, der Satz ist Wassermusik in den Ohren des Lesers! Ein Auftakt wie ein Hieb mit der Weißschwanzgnupeitsche! Keinen Schimmer, worüber und worauf man sich am meisten freuen soll. Wer seinen Helden Mungo nennt und ihn nach wenigen Wörtern auf den Emir von Ludamar treffen lässt – mit britenblassem Gesäß voraus wohlgemerkt -, der hat definitiv selbstgebrannten Schnaps in der Hausbar.
T. C. Boyle, Jahrgang 1948, zeigt gleich bei seinem Romandebüt, das wenige Jahre nach seinem Doktortitel in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts erschien, wie man das Zelt des Entdeckungsreisenden zum Dampfen bringt. „Wassermusik“ erzählt von zwei Westafrika-Expeditionen des Schotten Mungo Park, der sich um 1800 auf die Suche nach dem Niger machte – und an den Umständen scheiterte. Boyle dagegen triumphierte. Romanreisen in das Detaildickicht der Geschichte blieben seine Leidenschaft. Auf diesem Acker hat der gedankenwilde US-Amerikaner tiefe Furchen gepflügt und schöne Saat gesät.
Sex im Aquarium
„Diesmal kamen die Architektengattin und ich fast gleichzeitig, sie schrie noch lauter als beim ersten Mal, aber als sie ihren Rock glatt streifte und wir aus der Küche zurück zu den anderen gingen, hatte keiner etwas bemerkt.“
Harald Schmidt: Tränen im Aquarium (1993). Kiepenheuer & Witsch, 1998.
Pointe vor Anstand. Nach diesem Credo handelt Harald Schmidt, Jahrgang 1957, seit er mit seinem ersten Soloprogramm den Bogen überspannte: „Ich hab‘ schon wieder überzogen“ hieß das Stück aus den tiefen achtziger Jahren. Der erste Satz seines ersten Buches kommt folgerichtig übertrieben dreist daher. Die Eröffnung wäre billig und schlüpfrig, würde er nicht Folgendes hinterherschicken:
„Dieser Satz hat nichts mit dem folgenden Kapitel zu tun, aber William Faulkner hat angeblich gefordert, der erste Satz eines Buches müsse so sein, daß der Leser gewzungen sei, weiter zu lesen.“
Wenn man so möchte, hat Schmidt gestartet, womit sich Tommy Jaud zehn Jahre später zum Millionär ulkte: den Siegeszug des Comedy-Buches. Und wie schreibt Herbert Feuerstein auf dem Buchrücken: „Ein Buch, das in keinem Haushalt fehlen darf, wo ein Tischbein zu kurz ist.“
Paradiesische Parabel
„Unsere Aufgabe besteht darin, bewusst und mit offenen Augen auf einen weiseren, freieren und strahlenderen Zustand hinzusteuern, ins Paradies zurückzukehren, Freundschaft mit der Schlange zu schließen und unsere Computer zwischen wilden Apfelbäumen aufzustellen.“
Tom Robbins: „Was ist der Sinn des Lebens?“, in: Chop Suey (2005). Rowohl, 2007.
Tom Robbins, Jahrgang 1932, ist der Gottvater der Metapher, der König der ungekrönten Vergleiche, der Lehrmeister der Phantasie, der Schöpfer der Wortschöpfung, der Erstplatzierte der ersten Sätze, der Erfinder der Kreativitätstheorie. Die wilden Romane des US-Amerikaners sind Sex, Philosophie, Lebensfreude. Unterhaltung, Religion, Politik. Und immer Inspiration für alle, die schreiben. Er ist der Maßstab der Erzählkunst. Er ist Literatur. Punkt. Hatten wir schon, macht aber nix. Punkt.
PS: Der Offenbarungssatz stammt aus Tom Robbins‘ Textesammlung „Chop Suey“. Ein Lesebuch, das Kritiken, Reisebeschreibungen, Würdigungen und Antworten auf all die Fragen enthält.
Da steppt der Wolf
„Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst; ich hatte einige Stunden gearbeitet, alte Bücher gewälzt, ich hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Leute sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und mich gefreut, daß die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte meine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden.“
Hermann Hesse: Der Steppenwolf (1927). Suhrkamp, 1974.
Der Satz war vergangen, wie eben lange Sätze so vergehen; der Autor hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit seiner anspruchsvollen und klugen Art von Schreibkunst; er hatte einige Stunden daran gearbeitet, andere Bücher gewälzt, er hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Autoren sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und sich gefreut, dass die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte seine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden.
Danach schrieb Hermann Hesse (1877 bis 1972) den „Steppenwolf“ zu Ende und wurde weltberühmt. Doch, so kurz kann man das sagen.
Faust Gottes
„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.“
Johann Wolfang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil (1808). Reclam, 1993.
Johann Wolfgang von Goethe, 1749 bis 1832, müsste eigentlich Johann Wolfgang von Goettlich heißen. Denn die Supernova der Dichtkunst war einer der wenigen Universal-Schlaumeier, deren Genialität keine Grenzen duldete. Seine 1808 veröffentlichte Tragödie über Doktor Faustus gilt als das bedeutendste und meistzitierte Werk der deutschen Literatur. Wie er die „Zueignung“, eine Widmung in Versform, beginnt, kommt einem schriftstellerischen Urknall gleich. Der Autor spricht darin die Figuren seiner Geschichte an, berichtet vom Erwachen des Schaffensprozesses. „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“ – so also fängt es an, das vielleicht älteste Making-of der Welt.
Robbins‘ wilde Fabelwesen
„Es heißt, Tanuki hätte seinen Hodensack als Fallschirm benutzt, als er vom Himmel fiel.“
Tom Robbins: Villa Incognito (2003). Rowohlt, 2005.
Tom Robbins, Jahrgang 1932, ist der Gottvater der Metapher, der König der ungekrönten Vergleiche, der Lehrmeister der Phantasie, der Schöpfer der Wortschöpfung, der Erstplatzierte der ersten Sätze, der Erfinder der Kreativitätstheorie. Die wilden Romane des US-Amerikaners, in diesem Fall eine bizarre Fabel für Erwachsene, sind Sex, Philosophie, Lebensfreude. Unterhaltung, Religion, Politik. Und immer Inspiration für alle, die schreiben. Er ist der Maßstab der Erzählkunst. Er ist Literatur. Punkt. Hatten wir schon mehrfach, macht aber nix. Punkt.
PS: Tanukis gehören zur Gattung der ostasiatischen Wildhunde und trinken am liebsten selbst gebrannten Sake.
Alles kracht zusammen
„Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.“
Christian Kracht: Faserland (1995). Goldmann, 1997.
Christian Kracht, Jahrgang 1966, gilt als Vorreiter der Popwelle in der deutschen Literatur. Er selbst lehnt den Begriff ab, spricht stattdessen von „Light Entertainment“. Populär wurde sein Debütroman allemal: Heute zählt „Faserland“ zu den bekanntesten deutschsprachigen literarischen Texte der Neunziger. Die sinnfreie Reise des namenlosen Schnösels von Nord- nach Süddeutschland erhebt die Leere zur Kunstform, als Spiegelbild einer teilnahmslosen Jugend, deren Dekadenz zum Himmel stinkt. Dreist auch der erste Satz: Da steht also ein Mann an der nördlichsten Fischbude Deutschlands und kippt sich ein Bier hinter die Binde. Das allein wäre so bemerkenswert wie die Ankündigung, dass auf Ebbe garantiert Flut komme, wenn sich in den Worten nicht ebenjene Hoffnungslosigkeit und Belanglosigkeit einer ganzen Generation widerspiegeln würde. Ein Gesellschaftsroman über das Verschwinden. Von allem. Auch das scharfe S im ersten Satz ist inzwischen aus den Büchern verschwunden.
Herr Regener
„Der Nachthimmel, der ganz frei von Wolken war, wies in der Ferne, über Ostberlin, schon einen hellen Schimmer auf, als Frank Lehmann, den sie neuerdings nur noch Herr Lehmann nannten, weil sich herumgesprochen hatte, dass er bald dreißig Jahre alt werden würde, quer über den Lausitzer Platz nach Hause ging.“
Sven Regener: Herr Lehmann (2001). Goldmann, 2003.
Der Satz, der voller Abzweigungen war, verwies auf das schriftstellerische Glück, das sich durch einen markant-querulanten Stil einstellen sollte, als Sven Regener, den sie ursprünglich als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime kannten, weil er damit berühmt geworden war, quer über die Seiten der liebenswerten Mauerfall-Geschichte zur Katharsis des Erzählens fand.
Gibsons Fernblick
„Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist.“
William Gibson: Neuromancer (1984). Heyne, 2000.
William Gibson, Jahrgang 1948, ist einer dieser Science-Fiction-Autoren, denen man das „Fiction“ wegredigieren sollte. Müsste! Denn allein das, was sich der US-Amerikaner in seinem Debütroman „Neuromancer“ herbeischrieb, war zuweilen alles andere als erfunden, wie sich freilich erst später herausstellte: Begriffe wie Cyberspace, Cyberpunks oder Matrix muss ihm einer aus der Zukunft geflüstert haben (Trinity? Morpheus!) Also geklaut? I wo, wohl eher eine Frühform des Future-Mashup! Einen bösen Schnitzer hat sich Gibson aber dennoch geleistet – und das ausgerechnet im ersten, zukunftsweisenden Satz. Dass nämlich ein „toter Kanal“ bald schon kaum mehr zu finden sein würde in der überbevölkerten Fernsehlandschaft, hätte er wissen müssen, der olle Futur-Fex.
Nick, nackt
„Sie waren von England nach Minneapolis geflogen, um sich ein Klo anzuschauen.“
Nick Hornby: Juliet, Naked (2009). Kiepenhauer & Witsch, 2009.
Nick Hornby, Jahrgang 1957, schreibt über Fußball, Pop und Frauen. Also über die wichtigsten männlichen Lebensinhalte. Kerle lesen zwar in der Regel keine Romane, aber Hornbys Taktik geht trotzdem auf. Mit seinem Debüt „Fever Pitch“ hat er das Ballfieber-Buch schlechthin vorgelegt (mehr dazu hier, hatten wir schon mal). Auch der erste Satz bei einem seiner jüngsten Werke ist Champions League. Er strotzt vor dem, worauf der populäre Brite sein gesamtes Werk begründet: Leidenschaft – egal ob für Fußball, Frauen, Familie oder Musik. Vorwerfen kann man Hornby höchstens eines: Er setzt auf den falschen Verein. Aber man kann nicht alles haben.