Getagged: Literatur
Gretchenfrage
„Als Gretchen Morgenthau aufwachte, fiel ihr der Himmel auf den Kopf und es fehlte nicht viel, da wäre Gott gleich mitgefallen.“
Einzlkind: Gretchen. Verlag Klaus Bittermann, 2013.
Ein Killersatz. Schon wieder. Wie schon bei Harold, dem Debüt der Pseudonym-Edelfeder mit dem Rechtschreibfehler im Namen, liest man weiter. Todsicher. Es gibt ohnehin viele Parallelen zwischen den beiden Romanperlen. Erneut lässt Einzlkind einen alten (die fiktive und überaus exquisite Theaterlegende Gretchen Morgenthau) auf einen jungen Protagonisten (den liebeshungrigen und einfach gestrickten Insel-Teenager Kyell) treffen, die sich gegenseitig inspirieren. Wieder ist die Thementüte des Schriftstellers gefüllt mit den Sujets England, Reisen, Streben und Sterben. Das Beste aber ist: Wieder lässt er den sprachverliebten Leser staunen über geniale Sätze und blitzgescheite Gedanken.
Der Autor, über den man noch immer nicht viel weiß (außer, dass er lebt und sein Vorname vielleicht betamax ist), erzählt auch seine zweite schrullige Lebenskomödie mit so viel Sprachgefühl und Situationskomik, dass es eine wahre Freude ist. Ein Killersatz jagt den anderen. Aber das hatten wir bereits.
Die Gretchenfrage bleibt: Wer ist dieses Genie?
Selbstmordsgaudi
„Harold glaubte, nach Mutters Tod erbe er die Villa und erhänge sich zweimal die Woche in der Vorhalle.“
Einzlkind: Harold. Heyne, 2011.
Ein Killersatz. Hier liest man weiter. Todsicher. Natürlich möchte man wissen, wie das denn bitte gehen soll, sich zweimal pro Woche in der Vorhalle zu erhängen? Und warum überhaupt? Taucht man erst einmal ein in die herrlich skurrile Welt des 49-jährigen Londoners namens Harold, begreift man, dass der Selbstmord zwar eine Art Hobby des Protagonisten darstellt, eines jedoch, das er nicht perfekt beherrscht. Wie so vieles im Leben des gekündigten Wurstfachverkäufers. Und dann kommt Melvin. Ein Elfjähriger, der sich selbst als Savant bezeichnet („Falls Sie nachschlagen müssen: ein Genie“). Der hyperaktive Schlaubischlumpf reißt den passiven Harold mit in ein Abenteuer, das durch England und Irland führt, denn Melvin sucht seinen Vater. Also verschiebt Harold seine Pläne in der Vorhalle und begleitet ihn. Wie sollte er sich auch widersetzen können?
Der Autor, über den man nicht viel weiß (außer, dass er sich vor ein paar Jahren eine neue Kaffeemaschine gekauft hat), erzählt seine schrullige Buddy-Komödie mit so viel Sprachfreude und Situationskomik, dass es eine wahre Freude ist. Er nennt sich Einzlkind und soll in England leben. Oder in Deutschland. Fest steht, er reiht einen Killersatz an den anderen.
In eigener Sache: Debütroman „Für immer Juli“
Alice Schwarzer wäre stolz auf mich, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, denn Emma ist weg. Also meine Emma.
(Bernhard Blöchl, Für immer Juli, MaroVerlag 2013)
Und nun zur Werbung: Das Museum der schönen Sätze freut sich, vermelden zu dürfen, dass der Debütroman seines Kurators Bernhard Blöchl in diesen Tagen erscheint. Sein Name: Für immer Juli (MaroVerlag). Dabei geht es gar nicht um den Sommer, um das Wetter schon gleich gar nicht. Juli heißt er, weil er Juli heißt. Also die Hauptfigur. Und die hat einige Probleme: Freundin weg, Job weg, Selbstwert weg. Stattdessen diese quälenden Fragen: Ist der Mann ohne Rollenklischees ein Trugschluss? War metrosexuell ein androgyner Irrtum? Sind Testosterontonis noch en vogue? Bei dem Mittdreißiger herrscht Verwirrung deluxe. Also macht sich Juli, der sich fortan Julian nennt, auf die Suche nach seiner verlorenen Männlichkeit. Eine Tour de force durch München, Wien und Macholand. Ein Spiel mit Identitäten. Und über allem schwebt die Frage: Kann man ein anderer sein, als man ist, und wenn ja: Wie lange geht das gut?
Die Gedanken sind böse. Sie machen mir Angst. Die Gedanken sind böse. Sie erregen mich. Im Rausch lauert der Teufel. Ich will ein rauschhaftes Leben! Ich werde der Teufel (wenn der Teufel Prada trägt – umso besser!).
Ein Männerroman? Vielleicht. Ein Schelmenroman? Unbedingt. Und mehr. Denn Juli strahlt über das Buch hinaus. Längst macht er als Blogger im Netz weiter. Der Roman ist Teil eines literarischen Schelmenstücks.
Was die Presse über „Für immer Juli“ schreibt, ist hier zusammengefasst.
Ein schönes Buch! Juli hätte ich gern als Freund gehabt, dann hätte ich ihm mal auf den Hinterkopf gehauen und gesagt, dass er die dumme Emma vergessen soll … Allgemein war es wirklich sehr witzig und schön zu lesen. Das Buch bringt einen oft zum Schmunzeln, und Juli ist definitiv eine Figur zum Mitfiebern.
(Diana Rixecker, Leserin von Lieblingssaetze.de)
Für immer Juli (Broschur, 232 Seiten) kostet 14,80 Euro und ist auch als E-Book erhältlich.
Ruck and Roll
„Seit er einmal, fast ein Jahr lang, mit der Vorstellung gelebt hatte, die Sprache verloren zu haben, war für den Schriftsteller ein jeder Satz, den er aufschrieb und bei dem er noch dazu den Ruck der möglichen Fortsetzung spürte, ein Ereignis geworden.“
Peter Handke: Nachmittag eines Schriftstellers. Suhrkamp, 1989.
Ein Ruck muss durch die Geschichte gehen. Jeder Schreibende kennt diese kaum stillbare Sehnsucht nach dem Schub nach vorn, dem nächsten Wort, der nächsten Zeile, und so ein Ruck, wie Handke ihn benennt, ist wie ein aufgemotzter Formel-1-Motor. Kein Hau-Ruck, das ist was für Stümper und Freunde der literarischen Brechstange, sondern ein sanfter, magischer Richtungsruck, der die Erzählung wie von selbst ins Rollen bringt. Ruck and Roll. Den „Ruck der möglichen Fortsetzung“ zu thematisieren, noch dazu im ersten Satz, ist ein Ereignis für sich. Ein Ereignis, das den Österreicher, Jahrgang 1942, direkt ins Museum der schönen Sätze katapultiert. Ruck zuck.
Kaiser Franzobel
“Beim Elfmeter denken Tormann und Schütze, dass der jeweils andere denkt, er selber denkt, dass der andere denkt, er denkt, der andere denkt, er denkt, und so weiter, und auch wenn der Tormann nachdenkt und feststellt, dass man beim Nachdenken nur dem hinterher denkt, was andere schon gedacht haben, er folglich gar nicht denkt und dennoch völlig gedankenlos ins richtige Eck fliegt, kann es sein, dass der hirnlose Ball trotzdem an ihm vorbeigeht, weil sich Tausende Zuschauer fest aufs Tor konzentriert haben.“
Franzobel: „Gedankenspiele“, in: Franzobels großer Fußballtest (2008). Picus Verlag, 2008.
Mit der Kraft der Gedanken, die der ausgezeichnete Österreicher in diesem Aufsatz dribbelstark koordiniert, verhält es sich wie mit der Kraft der Worte. Sie ist physisch nicht messbar, doch allein der Glaube daran kann einen euphorisieren wie das entscheidende Tor in der Nachspielzeit. Als Fan der österreichischen Nationalmannschaft hat Franzobel, eigentlich Franz Stefan Griebl, nichts nicht viel zu lachen. Als satzgelenkiger Schriftsteller sehr wohl, wie man an der weltmeisterlichen Wortstafette erkennen kann, mit der er selbst Kaiser Franz schwindelig spielen dürfte.
Und überhaupt: Wer, wenn nicht er, wäre prädestinierter, über Fußball zu schreiben? Laut eigenen Angaben wurde er am Tag des Lattenpendlers in Wembley gezeugt, und sein Pseudonym entstand aus dem Ergebnis des Spiels Frankreich gegen Belgien: Fran2:0Bel.
Lieblingsbücher 2012
- Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung
- Wolfgang Herrndorf: Tschick
- David Nicholls: Ewig Zweiter
- Daniel Glattauer: Ewig dein
- David Nicholls: Zwei an einem Tag
- Armin Kratzert: Beckenbauer taucht nicht auf
- David Lodge: Wie bitte?
- Tom Sharpe: Tohuwabohu
- Ralf Husmann: Vorsicht vor Leuten
- Paul Mesa: Die kleine Göttin der Fruchtbarkeit
Herrlicher Herrndorf
„Als erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee.“
Wolfgang Herrndorf: Tschick (2010). Rowohlt, 2012.
Als erstes ist da dieser Satz. Wabert dir ins Hirn wie ein Duftgemisch, dem sich keiner entziehen kann. Natürlich will man wissen, wie es zu dieser kuriosen Kombination der Flüssigkeiten kam, wessen Körpersaft zu riechen beginnt, und wer da in diesem saloppen Ton drauflosplappert, als wäre seine Geschichte die interessanteste der Welt.
Nun macht ja bekanntlich der Ton den Roman. Eine einzigartige und allzeit authentische Stimme zu finden, ist eine der schwierigsten Hürden, die ein Schriftsteller überwinden muss, ehe er die Helden seiner Fantasie auf Reisen schickt. So gesehen ist Wolfgang Herrndorf ein Meister des Tons. Ein Tonmeister. Die Art und Weise, wie der Wahlberliner die Abenteuer von „Tschick“ und seinem Freund Maik Klingenberg erzählt, ist einer der Hauptgründe für die sagenhafte Beliebtheit dieser großen Fahrt ins Leben. Der Bestseller, der es verdient hat einer zu sein, ist ein zeitloses Buch über das Erwachsenwerden, über die deutsche Provinz, über das Ausloten von Traum und Wirklichkeit. Reif ersonnen, frisch erzählt. Herrndorf, Jahrgang 1965, biedert sich nicht an, er wird zum besten Kumpel von der Hassliebe namens Jugend. Schonungslos wie Blut, aufbauend wie Kaffee.
Der längste Lieblingssatz der Welt
„Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein zweihundertjähriger Butler mit dem trockenen Geräusch seiner wächsernen Lippen einen mitternächtlichen Geist in die Flucht schlagen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein Teilnehmer an einem neurophysiologischen Experiment trotz seiner durch eine Fehlsichtigkeitsbrille künstlich herbeigeführten Schasäugigkeit versuchen, mit seinen Lippen das Lippensymbol an der Laborwand zu treffen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein weltberühmter Tontechniker in einer allerletzten Feinabstimmung vor der alles entscheidenden Meisterwerkaufnahme testen, welchen Pegel allerfeinste, allertrockenste, direkt auf das Mikrophon gedrückte Lippengeräusche erreichen, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin gar nicht küssen, sondern als wäre er eine an Händen und Füßen gefesselte, allein in einen Tresorraum gesperrte Geisel, und dieser einsame Gefesselte musste gerade feststellen, dass er doch nicht allein, sondern zusammen mit einer lästigen Fliege eingesperrt war, die er nur mit einem Kussgeräusch verscheuchen konnte, das aber keinesfalls zu heftig ausfallen durfte, weil sonst der ganze Sprengstoff losging, den man ihm umgehängt hatte, oder war die Zärtlichkeit, die der Gefangene in den Fliegenkuss legte, schon ein erstes Symptom des Stockholm-Syndroms und die Geisel auf dem besten Weg, sich in die folternde Fliege zu verlieben, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.“
Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung (2012), Hoffmann und Campe (2012).
Wolf Haas hat ein neues Buch geschrieben, dessen erster Satz nicht museumswürdig ist. Das ist eine kolossale Überraschung, kamen die jüngsten Geschichten des Wiener Wortgenies doch einem Freifahrtsschein in die Listen der besten Romananfänge gleich.
Als Entschädigung stößt der freudestrahlende Leser in „Verteidigung der Missionarsstellung“ auf den vielleicht schönsten Schlangensatz der deutschsprachigen Literatur. Wie der Erzähler dieses grenzensprengenden Liebeswahnsinns immer neue Anläufe nimmt, um einen Kuss zu beschreiben, gleicht dem Auszug aus einem symphonischen Meisterwerk. So still und unauffällig, als würde Wolf Haas den namenlosen Leser keineswegs verzaubern, sondern als wäre es der Musenkuss, der ihn zu diesem Schreibrausch zwang, verzauberte er ihn so lang und nachhaltig, dass schon im nächsten Moment völlig sicher war, dass er etwas Großes getan hatte.
PS: Im Interview, das ich mit Wolf Haas für die Süddeutsche Zeitung geführt habe, erklärt der Schriftsteller, warum es ihm eine sehr persönliche Herzensangelegenheit ist, den Leser immer ein bisschen zu verzaubern.
Der alte Bär und das Mehr
„Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen.“
Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer (1952). Rowohlt, 2011.
Hemingway. Ein Wort wie Hemmungen. Dabei war Ernest, Sohn eines Landarztes und einer Opernsängerin aus Illinois, alles andere als eine Memme. Im Gegenteil. Wie der alte Mann und das Meer war der amerikanische Schriftsteller einer dieser Helden, die gerne als letzte Helden bezeichnet werden, weil man solche Männer heutzutage nicht mehr findet (sagen zumindest die Frauen, die sich den archaischen Typus gerne zurückträumen, auch wenn er in ihr emanzipiertes Leben passt wie Hemingway ins Männer-Spa). Themen wie Tapferkeit und Mühsal, Kampf und Leiden, ziehen sich durch sein Werk wie die Angelschnur durch das fischreiche Gewässer. Ernest Hemingway war ein Mann mit klarem Rollenverständnis. Er war Kriegsreporter und freiwillig an der Front. Er wurde schwer verwundet und hat sich schwer verliebt. Sein Gesicht hatte Falten, seine Geschichten Tiefe, bevor er sich 1961, an einer bipolaren Störung erkrankt, erschoss. Wie schon sein Vater.
Der Einstieg in seine Novelle, die ihm Mitte der fünfziger Jahre Pulitzer- und Literaturnobelpreis einbrachte, ist so deprimierend wie grandios. Alt, allein, klein, 84 Tage, ohne Fisch – kann es etwas Traurigeres geben? Trotzdem Vielleicht gerade deshalb ist die Erzählung, die in Hemingways Wahlheimat Kuba über die Bühne geht, so außergewöhnlich. Das Ein-Personen-Kammerspiel auf hoher See brennt sich als zeitloses Gleichnis ins Langzeitgedächtnis. Als Gleichnis für ein Dasein, dessen Sinnhaftigkeit nicht durch äußere Siege bestätigt werden muss.
Ewig fein
„Als er in ihr Leben trat, verspürte Judith einen stechenden Schmerz, der gleich wieder nachließ.“
Daniel Glattauer: Ewig Dein (2012). Deuticke, 2012.
Keine Sorge Pech gehabt, hier geht es nicht um fesselnde BDSM-Prosa. Auch bissige Vampirromanzen oder Piercing-Krimis könnten so beginnen, gehören jedoch nicht zu den Spezialgebieten des Autors und Journalisten aus Wien. Wer da einen Einstieg findet, dessen Doppeldeutigkeit sich erst im Lauf der Geschichte entfaltet wie ein Geschwür mit schlechten Heilungschancen, ist Daniel Glattauer. „Ewig Dein“ ist ein schaurig-schönes Psychodrama mit Thriller-Elementen, das keine Peitsche braucht und auch kein Blut, um unter die Haut zu gehen. Denn während die eingangs beschriebene Pein am Fuß, ausgelöst durch das Gedränge in der Käseabteilung, gleich wieder nachlässt, beginnt der Seelenschmerz erst sich aufzubauen, den der Fersentreter in der Raulederjacke der Protagonistin zufügt. Ein scheinbar einfacher szenischer Einstieg, in dem jedoch der ganze Roman lauert. Chapeau!
Dieser Glattauer ist schon ein feiner Beobachter. Wie er zwischenmenschliche Beziehungen sich entwickeln lässt, nachvollziehbar, detailreich, wortgewaltig, ist eine Schau. Darin ist der studierte Pädagoge ein Meister. Damit gelang ihm der Durchbruch. Auch seine in aller Welt gelesenen E-Mail-Romane Gut gegen Nordwind (2006) und Alle sieben Wellen (2009) fußen auf der Stärke der akribisch beschriebenen Anziehungskraft.
PS: Im Buch ist leider nicht notiert, ob Judith nach dem Fersentritt ein schmerzerfülltes Geräusch von sich gibt. Aber wahrscheinlich hat sie glatt „Aua“ geschrien (Glattauer möge es mir verzeihen …).