Paradiesische Parabel

„Unsere Aufgabe besteht darin, bewusst und mit offenen Augen auf einen weiseren, freieren und strahlenderen Zustand hinzusteuern, ins Paradies zurückzukehren, Freundschaft mit der Schlange zu schließen und unsere Computer zwischen wilden Apfelbäumen aufzustellen.“

Tom Robbins: „Was ist der Sinn des Lebens?“, in: Chop Suey (2005). Rowohl, 2007.

Tom Robbins, Jahrgang 1932, ist der Gottvater der Metapher, der König der ungekrönten Vergleiche, der Lehrmeister der Phantasie, der Schöpfer der Wortschöpfung, der Erstplatzierte der ersten Sätze, der Erfinder der Kreativitätstheorie. Die wilden Romane des US-Amerikaners sind Sex, Philosophie, Lebensfreude. Unterhaltung, Religion, Politik. Und immer Inspiration für alle, die schreiben. Er ist der Maßstab der Erzählkunst. Er ist Literatur. Punkt. Hatten wir schon, macht aber nix. Punkt.

PS: Der Offenbarungssatz stammt aus Tom Robbins‘ Textesammlung „Chop Suey“. Ein Lesebuch, das Kritiken, Reisebeschreibungen, Würdigungen und Antworten auf all die Fragen enthält.

Werben ohne Verben

„Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn, im Zweifel für’s Zerreißen der eigenen Uniform.“

Tocotronic: „Im Zweifel für den Zweifel“(0:22), auf: Schall und Wahn (2010).

Schon wieder die Schlaubischlümpfe der Hamburger Schule. Lassen einmal mehr den Diskursheini raushängen. Mit Worten, die zwar komisch klingen, aber zu der Überlegung führen: Im Zweifel für den Zweifel, ob ein Satz unbedingt ein Verb braucht, um sich als Satz an den Türstehern des elitären Wortclubs vorbeizuschlängeln. Gerade das Werben für die eigene Überzeugung – und darum geht es hier – funktioniert ohne dahinschleichende Verben gar bestens. Aber zurück zu Tocotronic: textlich mal wieder 1a. Eins, setzen, Streber!

PS: Die Hamburger Schule hat Zuwachs bekommen. Vier Burschen aus Husum liefern gerade ein Debüt ab, das vor starken Sätzen nur so strotzt (demnächst mehr an dieser Stelle). Vierkanttretlager scheinen tatsächlich den Brückenschlag zu meistern zwischen Alter und Neuer Indie-Schlaubischlumpf-Schule. Im Zweifel für den Zwitter. Schluss, aus, raus!

Da steppt der Wolf

„Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit meiner primitiven und schüchternen Art von Lebenskunst; ich hatte einige Stunden gearbeitet, alte Bücher gewälzt, ich hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Leute sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und mich gefreut, daß die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte meine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden.“

Hermann Hesse: Der Steppenwolf (1927). Suhrkamp, 1974.

Der Satz war vergangen, wie eben lange Sätze so vergehen; der Autor hatte ihn herumgebracht, hatte ihn sanft umgebracht, mit seiner anspruchsvollen und klugen Art von Schreibkunst; er hatte einige Stunden daran gearbeitet, andere Bücher gewälzt, er hatte zwei Stunden lang Schmerzen gehabt, wie ältere Autoren sie eben haben, hatte ein Pulver genommen und sich gefreut, dass die Schmerzen sich überlisten ließen, hatte in einem heißen Bad gelegen und die liebe Wärme eingesogen, hatte dreimal die Post empfangen und all die entbehrlichen Briefe und Drucksachen durchgesehen, hatte seine Atemübungen gemacht, die Gedankenübungen aber heut aus Bequemlichkeit weggelassen, war eine Stunde spazieren gewesen und hatte schöne, zarte, kostbare Federwölkchenmuster in den Himmel gezeichnet gefunden.

Danach schrieb Hermann Hesse (1877 bis 1972) den „Steppenwolf“ zu Ende und wurde weltberühmt. Doch, so kurz kann man das sagen.

Element of Romantik

„Bei mir geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt.“

Element of Crime: „Seit der Himmel“ (0:43), auf: Romantik (2001).

Dass Sven Regener ein wortgewandter Erzähler ist, haben wir an anderer Stelle bereits gewürdigt. Ursprünglich entwickelte der Bremer Stadtmusikant sein Talent zum Schreiben aber als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime. Zuerst noch ins Englische flüchtend, entdeckte der knurrige Poet bald den Reichtum seiner Muttersprache. Seitdem überrascht er den Plattitüden gewöhnten Pop-Hörer mit phantasievoller Kurzprosa, liebenswerten Träumereien und lyrischen Absurditäten. Er erklärt nicht viel in seinen Texten, lieber regt er an, der Regener.

Jetzt statt Liebe

„All you need is now.“

Duran Duran: „All you need is now“ (1:06), auf All you need is now (2011).

All you need is now. Singt eine Band, deren größtes Jetzt im Gestern war. In den Achtzigern, als die Nummer The Wild Boys in den Mainstream der Radiosuppe gestupst wurde und noch heute in den seichten Gewässern der Hit-Flößer herumdümpelt. Auch die Soundästhetik der 2011 erschienenen 13. Platte ist nur scheinbar jetzig und eigentlich gestrig (Refrain!). Aber ein schön-schlauer Satz, zugegeben. Und darum geht’s hier schließlich.

Faust Gottes

„Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.“

Johann Wolfang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil (1808). Reclam,  1993.

Johann Wolfgang von Goethe, 1749 bis 1832, müsste eigentlich Johann Wolfgang von Goettlich heißen. Denn die Supernova der Dichtkunst war einer der wenigen Universal-Schlaumeier, deren Genialität keine Grenzen duldete. Seine 1808 veröffentlichte Tragödie über Doktor Faustus gilt als das bedeutendste und meistzitierte Werk der deutschen Literatur. Wie er die „Zueignung“, eine Widmung in Versform, beginnt, kommt einem schriftstellerischen Urknall gleich. Der Autor spricht darin die Figuren seiner Geschichte an, berichtet vom Erwachen des Schaffensprozesses. „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“ – so also fängt es an, das vielleicht älteste Making-of der Welt.

Praying Pumpkins

„If there is a God, I know he likes to rock.“

Smashing Pumpkins: „If there is a God“ (0:06), auf: Machina II/The Friends and Enemies of Modern Music (2000).

The Smashing Pumpkins, gegründet 1987 und 2006, sind eine der größten Alternative-Rockbands, die Gott auf der Erde Krach machen lässt. Billy Corgan, Chef-Glatzkopf, Gitarrenguru, Songschreiber und Sänger der Gruppe aus Chicago, hatte 2000 ein göttliches Geschenk an seine Fans zu verteilen: Kurz vor der (vorläufigen) Auflösung der Band brachte er ein Abschiedsalbum heraus, das er seinen Rockjüngern kostenlos im Internet zugänglich machte, weil die Plattenfirma zuvor herumgezickt hatte. Darauf befand sich dieser Song. Gott muss ihn wohl gehört (und Billys Flehen erhört) haben, denn schon wenige Jahre später hauchte er dem begnadeten Musiker die Botschaft ein, die Smashing Pumpkins doch bitteschön wiederzubeleben. Was Corgan dann auch tat, wenngleich mit neuen Kollegen. Und so sehnsuchtsrocken sie noch heute. Amen.

Boris voll im Bilde

„Man legt sich niemals mit BILD an, oder man gewinnt Wimbledon!“

Boris Becker zur Kreditaffäre um Christian Wulff, via Twitter, 2.1.2012.

Boris Becker, jüngster Wimbledon-Gewinner und noch immer weit entfernt von der Altersweisheit, sucht sein Glück neuerdings als Heavy-Twitter-User. Also tippt er in sein Handy, was sein Hirn hergibt. Da geht es um Fußball („FARFAN fuer schalke soll zurueck nach peru gehen und DEMUT lernen“), Kino („Just watched MI with Tom Cruise ….where is the beef ?“), Familie („Cruisin with noah“) und eben Politik. Denn da kennt er sich aus. Also überall. Denn der Boris ist nicht nur mit der Besenkammer bestens vertraut, sondern auch mit der Welt. Immer voll im Bilde. Quasi.

Zu jung für Kurt Cobain

„Und ich langweile mich, wo zum Teufel bleibt die Action, bei euch starb Kurt Cobain, bei uns ein bleicher Michael Jackson.“

Kraftklub: „Zu jung“ (1:18), auf: Mit K (2012).

Kraftklub („Mit K“, worauf schon der Titel ihres Debütalbums dezent hinweist) sind eine frische Crossover-Truppe aus Chemnitz. Die Beatsteaks ohne Singstimme, wenn man so möchte. Und fast ohne Reime. Dafür in jung. Und das ist das Problem: Sie sind „zu jung für Rock’n’Roll“, wie sie selbst grölen. Aber genau dafür möchte man ihnen – generationenübergreifend, quasi – auf die schmalen Schultern klopfen. Dass es endlich mal jemand auf den Punkt bringt und dieses grenzenlos Verständnisvolle, allzeit Brave, immer Gefasste, unbedingt Vernünftige der Neunziger- und Nuller-Anstandsbubis durch den Dreck rappt. Überhaupt sprechsingen die Indie-Rapper mitunter munter über unbequeme, unpopuläre Meinungen („Ich will nicht nach Berlin“). Weiter so! Kurt Cobain wäre stolz auf euch. Vielleicht.

Robbins‘ wilde Fabelwesen

„Es heißt, Tanuki hätte seinen Hodensack als Fallschirm benutzt, als er vom Himmel fiel.“

Tom Robbins: Villa Incognito (2003). Rowohlt, 2005.

Tom Robbins, Jahrgang 1932, ist der Gottvater der Metapher, der König der ungekrönten Vergleiche, der Lehrmeister der Phantasie, der Schöpfer der Wortschöpfung, der Erstplatzierte der ersten Sätze, der Erfinder der Kreativitätstheorie. Die wilden Romane des US-Amerikaners, in diesem Fall eine bizarre Fabel für Erwachsene, sind Sex, Philosophie, Lebensfreude. Unterhaltung, Religion, Politik. Und immer Inspiration für alle, die schreiben. Er ist der Maßstab der Erzählkunst. Er ist Literatur. Punkt. Hatten wir schon mehrfach, macht aber nix. Punkt.

PS: Tanukis gehören zur Gattung der ostasiatischen Wildhunde und trinken am liebsten selbst gebrannten Sake.