Herrlicher Herrndorf

„Als erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee.“

Wolfgang Herrndorf: Tschick (2010). Rowohlt, 2012.

Als erstes ist da dieser Satz. Wabert dir ins Hirn wie ein Duftgemisch, dem sich keiner entziehen kann. Natürlich will man wissen, wie es zu dieser kuriosen Kombination der Flüssigkeiten kam, wessen Körpersaft zu riechen beginnt, und wer da in diesem saloppen Ton drauflosplappert, als wäre seine Geschichte die interessanteste der Welt.

Nun macht ja bekanntlich der Ton den Roman. Eine einzigartige und allzeit authentische Stimme zu finden, ist eine der schwierigsten Hürden, die ein Schriftsteller überwinden muss, ehe er die Helden seiner Fantasie auf Reisen schickt. So gesehen ist Wolfgang Herrndorf ein Meister des Tons. Ein Tonmeister. Die Art und Weise, wie der Wahlberliner die  Abenteuer von „Tschick“ und seinem Freund Maik Klingenberg erzählt, ist einer der Hauptgründe für die sagenhafte Beliebtheit dieser großen Fahrt ins Leben. Der Bestseller, der es verdient hat einer zu sein, ist ein zeitloses Buch über das Erwachsenwerden, über die deutsche Provinz, über das Ausloten von Traum und Wirklichkeit. Reif ersonnen, frisch erzählt. Herrndorf, Jahrgang 1965, biedert sich nicht an, er wird zum besten Kumpel von der Hassliebe namens Jugend. Schonungslos wie Blut, aufbauend wie Kaffee.

Ich mach was mit Büchern: Lieblingssätze

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, Lieblingssätze auf dem Blog Ich mach was mit Büchern vorzustellen.

„In Zeiten des 140-Zeichen-Gefrickels kommen mir kreative Formulierungen wie Perlen vor. Deshalb habe ich im Sommer 2011 das Museum der schönen Sätze eröffnet.“

Das komplette Interview kann man hier nachlesen. Herzlichen Dank!

„Ich mach was mit Büchern“ ist eine von Leander Wattig 2009 gestartete Initiative für eine stärkere Vernetzung der Buchbranche.

Neu auf Lieblingssätze: die Reihe Lieblingsschätze

Fifteenth Century Bookshop

Das ist der Fifteenth Century Bookshop in Lewes, Sussex. Ein zauberhafter Second-Hand-Laden in einem windschiefen Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Ein Ort mit Geschichte und idealer Start für unsere neue Fotoreihe „Lieblingsschätze“. Wo sich schöne Sätze wohlfühlen – unter diesem Motto zeigen wir museumsreife Fundstücke aus aller Welt.

Die Muse der Zeit

„Don’t waste your time, or time will waste you.“

Muse: „Knights of Cydonia“ (2:27), auf: Black Holes And Revelations (2006).

Dass Muse, diese himmelhochstrebende Bombastband aus Devon, ihre Zeit nicht vertrödeln, daran besteht kein Zweifel. Sechs künstlerisch anspruchsvolle Bestseller-Alben in 13 Jahren zu wuppen, noch dazu auf allerhöchstem Produktionsniveau, kommt nicht gerade häufig vor. Selbst auf der musikberauschten Insel namens Großbritannien.

Wenn es überhaupt eine Schwachstelle gibt bei dieser Supergroup der Nullerjahre, dann ist diese in den Texten zu finden. Matthew Bellamy mag ein Gott an der Gitarre, ein Virtuose am Flügel, ein Sonderling im Songwriting sein, aber die goldene Lyrikfeder wird an ihm vorbeiwehen. Auf ihrem neuen, gewöhnungsbedürftig experimentellen Album „The 2nd Law“ machen sich Muse mitunter Gedanken über Thermodynamik und Darwinsche Survival-Prozesse („Life is a race, and i’m gonna win.“). Seit jeher schillern in ihren Songs Verschwörungstheorien und naturwissenschaftliche Anspielungen durch, die öfter krude als genussreich sind. Dagegen kommt ihre vielleicht schönste Zeile (siehe oben) zeitlos schlau daher. Man könnte hier noch in die Tiefe gehen. Aber wir haben doch keine Zeit …

Der längste Lieblingssatz der Welt

„Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein zweihundertjähriger Butler mit dem trockenen Geräusch seiner wächsernen Lippen einen mitternächtlichen Geist in die Flucht schlagen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein Teilnehmer an einem neurophysiologischen Experiment trotz seiner durch eine Fehlsichtigkeitsbrille künstlich herbeigeführten Schasäugigkeit versuchen, mit seinen Lippen das Lippensymbol an der Laborwand zu treffen, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als müsste ein weltberühmter Tontechniker in einer allerletzten Feinabstimmung vor der alles entscheidenden Meisterwerkaufnahme testen, welchen Pegel allerfeinste, allertrockenste, direkt auf das Mikrophon gedrückte Lippengeräusche erreichen, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin gar nicht küssen, sondern als wäre er eine an Händen und Füßen gefesselte, allein in einen Tresorraum gesperrte Geisel, und dieser einsame Gefesselte musste gerade feststellen, dass er doch nicht allein, sondern zusammen mit einer lästigen Fliege eingesperrt war, die er nur mit einem Kussgeräusch verscheuchen konnte, das aber keinesfalls zu heftig ausfallen durfte, weil sonst der ganze Sprengstoff losging, den man ihm umgehängt hatte, oder war die Zärtlichkeit, die der Gefangene in den Fliegenkuss legte, schon ein erstes Symptom des Stockholm-Syndroms und die Geisel auf dem besten Weg, sich in die folternde Fliege zu verlieben, als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.“

Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung (2012), Hoffmann und Campe (2012).

Wolf Haas hat ein neues Buch geschrieben, dessen erster Satz nicht museumswürdig ist. Das ist eine kolossale Überraschung, kamen die jüngsten Geschichten des Wiener Wortgenies doch einem Freifahrtsschein in die Listen der besten Romananfänge gleich.

Als Entschädigung stößt der freudestrahlende Leser in „Verteidigung der Missionarsstellung“ auf den vielleicht schönsten Schlangensatz der deutschsprachigen Literatur. Wie der Erzähler dieses grenzensprengenden Liebeswahnsinns immer neue Anläufe nimmt, um einen Kuss zu beschreiben, gleicht dem Auszug aus einem symphonischen Meisterwerk. So still und unauffällig, als würde Wolf Haas den namenlosen Leser keineswegs verzaubern, sondern als wäre es der Musenkuss, der ihn zu diesem Schreibrausch zwang, verzauberte er ihn so lang und nachhaltig, dass schon im nächsten Moment völlig sicher war, dass er etwas Großes getan hatte.

PS: Im Interview, das ich mit Wolf Haas für die Süddeutsche Zeitung geführt habe, erklärt der Schriftsteller, warum es ihm eine sehr persönliche Herzensangelegenheit ist, den Leser immer ein bisschen zu verzaubern.

In memoriam Nils Koppruch

„Lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.“

Nils Koppruch: „Kirschen (wenn der Sommer kommt)“ (0:54), auf: Caruso (2010).

In Gedenken an den Hamburger Tausendsassa Nils Koppruch, der am 10. Oktober 2012 im Nicht-Alter von 47 Jahren gestorben ist. Mögen sie im Himmel Kirschen auftischen, allzeit guten Bluegrass auflegen und dir schöne Zeilen wie die deinen ins Ohr frohlocken.

Urlaub, Sätzchen!

Das Museum der schönen Sätze macht Ferien. Ende Oktober melden wir uns mit frisch gepflückten Sätzen zurück.

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Lieblingssätze auf Facebook

 

Mehr Licht!

„Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.“

Peter Licht: „Das Ende der Beschwerde“  (0:28), auf: Das Ende der Beschwerde (2011).

Peter scheut das Licht wie der Misanthrop die Menschen. Seit sich der Kölner Versteckspielkünstler im Jahr 2000 in die Öffentlichkeit wagte (nur bedingt freilich), führt er Journalisten und Publikum an der Nase herum. Mal ist er hier, mal ist er auf’m Sonnendeck. Mal nennt er sich Meinrad Jungblut, mal Peter Licht. Mal macht er Pop, mal macht er Rock. Mal schreibt er Gedichte und Theaterstücke, mal Tagebuchfetzen und Geschichten. Eines aber ist er immer: ein wandelbarer Gesellschaftskritiker mit Talent für Slogans und schöne Zeilen.

Oliver Uschmann mag Lieblingssätze

Hurra, der sehr verehrte Kollege Oliver Uschmann mag Lieblingssätze! Der Schöpfer der weltsichtverbessernden Hartmut-und-ich-Reihe hat auf Facebook folgende Notiz hinterlassen:

„Meine Empfehlung nebenbei: Einer der besten und unterhaltsamsten Blogs des Landes. Er heißt ,Zur Sache, Sätzchen!‘ und handelt von ersten Sätzen in Romanen sowie speziellen Zeilen aus Songs. Der Kollege Bernhard Blöchl stellt sie vor und kommentiert sie ganz wunderbar. Das ist ein prima Konzept und gefällt auch Hartmut. Schaut mal rein!“

Herzlichen Dank!

Oliver Uschmann ist Musikjournalist und Bestsellerautor. Er lebt mit seiner Frau im Münsterland und entwickelt dort täglich neue Bücher oder Ideen.

Hummer bringen Kummer

„Wer nicht geht, kommt nie wieder, und wer bleibt, ist nie weg.“

Element of Crime: „Kopf aus dem Fenster“ (1:15), auf: Immer da wo du bist bin ich nie (2009).

Dass Sven Regener ein wortgewandter Erzähler ist, haben wir an anderer Stelle bereits gewürdigt. Ursprünglich entwickelte der Bremer Stadtmusikant sein Talent zum Schreiben aber als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime. Zuerst noch ins Englische flüchtend, entdeckte der knurrige Poet bald den Reichtum seiner Muttersprache. Seitdem überrascht er den Plattitüden gewöhnten Pop-Hörer mit phantasievoller Kurzprosa, liebenswerten Träumereien und lyrischen Absurditäten. Er erklärt nicht viel in seinen Texten, lieber regt er an, der Regener.