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Lieblingsplatten 2013

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten mit meinen Lieblingsplatten 2013. Ein paar davon haben es mit ihren Songzeilen ins Museum der schönen Sätze geschafft, ein Satz steht zur Auswahl zum Lieblingssatz des Jahres. Hörenswert sind sie alle. Sätze wie Platten.

  1. Tom Odell: Long Way Down
  2. Jake Bugg: Jake Bugg
  3. Babyshambles: Sequel To The Prequel
  4. Jake Bugg: Shangri La
  5. Herrenmagazin: Das Ergebnis wäre Stille
  6. Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi: Expedition ins O
  7. Tocotronic: Wie wir leben wollen
  8. Thees Uhlmann: #2
  9. Franz Ferdinand: Right Thoughts, Right Words, Right Action
  10. Kings Of Leon: Mechanical Bull

Hätten drin sein können (haben es aber vermasselt): Arctic Monkeys: AM

Herrliche Himmelsmaler

„Ich dipp den Finger in den Himmel, ich habe Farben zugerührt, und sie tauchen meine Seele in einen Ton, der mir gehört.“

Herrenmagazin: „Regen“, auf: Das Ergebnis wäre Stille (2013).

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Hier geht es nicht um die windige Lyrik Prosa einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen. Mehr schöne Sätze von Herrenmagazin gibt’s hier.

Military Of The Gänsehaut

„We don’t need entertainment, we entertain ourselves.“

Naked Lunch: „Military Of The Heart“ (2:41), auf: This Atom Heart Of Ours (2007).

Vieles passt hier nicht zusammen: der Militärbezug im Songtitel zur Gänsehautromantik im Text; die Herkunft der Band (Klagenfurt) zur Sprache des Sängers (Austroenglisch, Englisch); die Schluffigesichter zum britisch gefärbten Indierock. Naked Lunch nennen sich der Oberschluffi Oliver Welter und seine Kollegen, nach dem Skandalroman von William S. Burroughs über Drogen, Homosexualität und Wahnsinn aus dem Jahr 1959. Und wie der amerikansiche Schriftsteller (1914 bis 1997) geben sich die Musiker gerne dem Gefühlsrausch hin.

Wie sich das Liebeslied zur ergreifenden Hymne auf die Zweisamkeit hochsymphoniert, lässt gesunde Herzen lauter schlagen. Der Moment, wenn um zwei Liebende herum alles andere wurscht ist, wenn Entertainer unterhalten sollen, wen sie wollen, nur nicht die zwei Liebenden, weil diese nix und niemanden brauchen, dieser glücksschwangere Moment ist hier wunderbar in Melodien geflossen. Und die zwei sind eins. „On the day i found myself“. Alles passt hier zusammen. Alles.

Heartcore

„And my head told my heart, let love grow, but my heart told my head, this time no.“

Mumford & Sons: „Winter Winds“ (1:16), auf: Sigh No More (2009).

Das gegenwärtig große Ding von der pophistorisch wichtigsten Insel der Welt funktioniert so: Banjo, Gitarren, Kontrabass, Akkordeon und ab dafür. Folk heißt dieser musikalische Straßenfeger, der zwar schon so alt ist wie die Bärte einiger Kollegen lang, der aber im retrophilen Zeitalter bestens flutscht, setzt man das präpotente Präfix „Indie“ davor und lässt ihn von modernen jungen Burschen mit abgöttisch viel Inbrunst zelebrieren. Selbstverständlich gibt es nölende Neider, die seit Jahren prinzipiell nichts anderes machen, ohne von der Welt (oder auch nur vom Lieblingspub) gehört zu werden. Aber eben nur prinzipiell. Prinzipiell ist der Prinz, und die Könige heißen Mumford.

Herz und Verstand sagen Ja zu dieser Band aus London, deren Texte so poetenwarm, die Melodien so heimelig daherkommen, als würden Head und Heart zur Hochzeit bitten. Alles passt perfekt zusammen. Die ADHS-verdächtigen Zappelbanjos im Sound der Mumfords sind ebenso Markenzeichen wie die einlullende Harmonik (auch wenn der mehrstimmige Gesang zuweilen windschief klingt, als lautete die Aufgabe, ein schräges Cottage in Cornwall zu vertonen). So schnell wie der Winterwind wird diese Gruppe nicht verschwinden.

Reine Reime

„There’s nothing pure enough to be a cure for love.“

Leonard Cohen: „Ain’t No Cure For Love“ (2:09), auf: I’m Your Man (1988).

Einen Weisheitssatz wie diesen in ein Liedlein zu packen und ihn den Background-Sängerinnen zu überlassen, ist eine dumme  kühne Idee. Zu leicht wird er überhört, zu wenig darüber nachgedacht. Aber was soll er machen, der Leonard Cohen? Die Ursprünge seines Schaffens liegen im Schreiben, er war Dichter und Schriftsteller, bevor er sich in der Musik verlor. Als Singer-Songwriter bringt Cohen beides zusammen: gehaltvolle Gedanken und markante Melodien. Da zieren Zeilen seine zerrissenen Folksongs, von denen musenresistente Kollegen ihr Leben lang träumen. Sätze wie dieser: “I’ve seen the future, it’s a murder.” Oder dieser (bereits im Museum der schönen Sätze aufgenommen): „There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“

Lieblingsplatten 2012

Subjektiv. Unvollständig. Ehrlich. Hier die persönliche Top Ten mit meinen Lieblingsplatten 2012. Ein paar davon haben es mit ihren Songzeilen ins Museum der schönen Sätze geschafft, einige stehen zur Auswahl zum Lieblingssatz des Jahres. Hörenswert sind sie alle. Sätze wie Platten.

  1. Jack White: Blunderbuss
  2. Mumford & Sons: Babel
  3. Shaban & Käptn Peng: Die Zähmung der Hydra
  4. Kid Kopphausen: I
  5. Gisbert zu Knyphausen: Hurra! Hurra! So nicht
  6. Alt J: An Awsome Wave
  7. Kraftklub: Mit K
  8. Deichkind: Befehl von ganz unten
  9. The Shins: Port of Morrow
  10. Max Mutzke: Durch Einander

Hätten drin sein müssen (haben es aber vermasselt): Muse: The 2nd Law

Jeder Satz ist ein Geschenk

„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.“

Kid Kopphausen: „Das Leichteste der Welt“ (1:36), auf: I (2012).

Wenn die Sätze nicht so schön wären, die einem beim Hören dieser Platte um die Ohren wehen, es wäre einfach nur zum Heulen. Da tun sich zwei Musiker und Sänger zusammen, auf die Hamburg, ach was Norddeutschland, ach was Deutschland, ach was weiß ich, wer sonst noch, stolz sein sollte; da vereinen sich der auf Melancholie-Wolke sieben schwebende Songwriter Gisbert zu Knyphausen und der Maler und ehemalige Fink-Poet Nils Koppruch, um uns als Kid Kopphausen „Blumen vom Arsch der Hölle“ mitzubringen, wie sie dichten; und was passiert, als man sich unsterblich verknallt hat in dieses schwelgerisch-schöne Folk-Pop-Album „I“? Nils Koppruch stirbt im Alter von 46 Jahren.

Zwei Monate ist das nun her, und natürlich hört man die Songs seitdem – es mag inzwischen der vierundvierzigste Durchlauf sein – mit gemischten Gefühlen. „Das Leichteste der Welt“? Welch Ironie! Dennoch soll hier eine bitter-fröhliche Zeile gewürdigt und ins Museum der schönen Sätze aufgenommen werden, die die Hoffnung im Schmerz zum Ausdruck bringt: „Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt, und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab.“ Also los, Freunde, zerfetzt das Papier und pflückt den Tag! Denn die Zeit ist ein Halunke.

PS: Never mind the darkness, Nils, you will be saved by Rock’n’Roll!

Die Muse der Zeit

„Don’t waste your time, or time will waste you.“

Muse: „Knights of Cydonia“ (2:27), auf: Black Holes And Revelations (2006).

Dass Muse, diese himmelhochstrebende Bombastband aus Devon, ihre Zeit nicht vertrödeln, daran besteht kein Zweifel. Sechs künstlerisch anspruchsvolle Bestseller-Alben in 13 Jahren zu wuppen, noch dazu auf allerhöchstem Produktionsniveau, kommt nicht gerade häufig vor. Selbst auf der musikberauschten Insel namens Großbritannien.

Wenn es überhaupt eine Schwachstelle gibt bei dieser Supergroup der Nullerjahre, dann ist diese in den Texten zu finden. Matthew Bellamy mag ein Gott an der Gitarre, ein Virtuose am Flügel, ein Sonderling im Songwriting sein, aber die goldene Lyrikfeder wird an ihm vorbeiwehen. Auf ihrem neuen, gewöhnungsbedürftig experimentellen Album „The 2nd Law“ machen sich Muse mitunter Gedanken über Thermodynamik und Darwinsche Survival-Prozesse („Life is a race, and i’m gonna win.“). Seit jeher schillern in ihren Songs Verschwörungstheorien und naturwissenschaftliche Anspielungen durch, die öfter krude als genussreich sind. Dagegen kommt ihre vielleicht schönste Zeile (siehe oben) zeitlos schlau daher. Man könnte hier noch in die Tiefe gehen. Aber wir haben doch keine Zeit …

In memoriam Nils Koppruch

„Lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.“

Nils Koppruch: „Kirschen (wenn der Sommer kommt)“ (0:54), auf: Caruso (2010).

In Gedenken an den Hamburger Tausendsassa Nils Koppruch, der am 10. Oktober 2012 im Nicht-Alter von 47 Jahren gestorben ist. Mögen sie im Himmel Kirschen auftischen, allzeit guten Bluegrass auflegen und dir schöne Zeilen wie die deinen ins Ohr frohlocken.

Mehr Licht!

„Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.“

Peter Licht: „Das Ende der Beschwerde“  (0:28), auf: Das Ende der Beschwerde (2011).

Peter scheut das Licht wie der Misanthrop die Menschen. Seit sich der Kölner Versteckspielkünstler im Jahr 2000 in die Öffentlichkeit wagte (nur bedingt freilich), führt er Journalisten und Publikum an der Nase herum. Mal ist er hier, mal ist er auf’m Sonnendeck. Mal nennt er sich Meinrad Jungblut, mal Peter Licht. Mal macht er Pop, mal macht er Rock. Mal schreibt er Gedichte und Theaterstücke, mal Tagebuchfetzen und Geschichten. Eines aber ist er immer: ein wandelbarer Gesellschaftskritiker mit Talent für Slogans und schöne Zeilen.