Claudius‘ kaiserliche Eröffnung

„An dem Tag, an dem ich vierzig wurde, wachte ich, weil ich hineingefeiert hatte, mit einem Kater auf, trank, als Gegengift, eine halbe Flasche Wasser und vier Tassen starken, schwarzen Kaffee, zog einen grauen Sommeranzug, aber keine Strümpfe an, krempelte die Hosen hoch, fuhr mit dem Rad zur Arbeit, beschimpfte unterwegs ein paar Autofahrer, die den Radweg blockierten, fing auf der ersten Konferenz des Tages einen Streit mit meinem Vorgesetzten an, machte später, als der Personalchef mit einer Flasche Champagner kam, die ich, so sein Vorschlag, abends trinken sollte, ein paar Scherze auf seine Kosten und öffnete den Champagner gleich, ging mittags essen mit Kollegen, die ich Jungs nannte, lachte über ihre Scherze, die auf meine Kosten gingen, schaute auf dem Rückweg, weil es Sommer war, den kurzen Sommerkleidern hinterher, legte meine Füße auf den Schreibtisch und blieb, weil es soviel zu tun gab und die Arbeit eigentlich ein Vergnügen war, viel zu lange im Büro, legte mich abends aufs Sofa und hörte sehr laute Soulmusik, sagte allen, die anriefen und mir gratulierten, es gehe mir gut, trank einen kleinen Whisky und küßte meine Frau und sagte zu ihr: Ich habe ein gutes Leben.“

Claudius Seidl: Schöne junge Welt – warum wir nicht mehr älter werden (2005). Goldmann, 2005.

Claudius Seidl, Feuilletonist und Feingeist, legt in seinem nun auch schon nicht mehr ganz so jungen Forever-Young-Essay einen Eröffnungssatz hin, der, stilistisch einwandfrei, nicht nur als Türöffner zur Gefühlswelt des Neu-Vierzigers funktioniert, sondern der auch, weil es der geborene Würzburger, langjährige SZ- und FAZ-Redakteur und Filmkenner formidabel versteht, wesentliche Details seines lustvollen Lebens hineinzupacken, spannend zu lesen ist und neugierig macht auf das, was auf den folgenden 178 Seiten geschrieben steht, welches wiederum, da können Häppchenleser ganz beruhigt sein, mitunter in kürzeren Sätzen das ausdrückt, worum es hier im Kern geht: um das gute Leben.

Herrenmagazin mit guten Zeilen

„Du hast den Faden verloren, doch du strickst immer weiter, du stößt auf taube Ohren, darum redest du lauter.“

Herrenmagazin: „Hals über Kopf“ (1:16), auf: Das wird alles einmal dir gehören (2010).

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Denn hier geht es nicht um die windige Dick-Lit einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen!

Der Wolf im Haas-Pelz

„Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott (2009). Hoffmann und Campe, 2009.

Wolf Haas, Jahrgang 1960, ist ein Meister des kreativen Erzählens, und ob du es glaubst oder nicht, aber der Österreicher hat einen ganz eigenen Stil gefunden. Leser-Duzer Hilfsausdruck. Berühmt gemacht haben Haas seine Brenner-Krimis, deren berühmter erster Satz so berühmt ist, dass ihn ein jeder Krimifreund auswendig dahersagen kann.

Als zum siebten Mal schon wieder was passiert ist, schenkt er uns eine neue Eröffnung (siehe oben). Und jetzt pass auf, die hat es in sich, weil das Plappermaul von Erzähler ja eigentlich im sechsten Band gestorben ist. Irgendwie dann aber doch nicht, wie sich in „Der Brenner und der liebe Gott“ herausstellt. Und im Interview, das ich einmal mit ebenjenem Erzähler führen durfte, machte er ebenfalls einen kreuzfidelen Eindruck. Überschäumend Hilfsausdruck. Über den Haas hatte er auch was zu berichten: Der sei, ob du es glaubst oder nicht, „ein blasses Bürscherl, das viel vor dem Computer sitzt. Und ein Interview nach dem anderen, das kann auch nicht gesund sein. Ich sage, so ein junger Mensch sollte auch einmal hinaus gehen, Sport, Mädchen, alles. Aber bitte, das muss er  selber wissen.“

Sag’s durch den Blumentopf

„Doch sie hat recht, sie fühlt sich von mir als Mensch nicht verstanden, weil die Hälfte ihrer Sätze in meinem Spam-Filter landen, I am sorry, mein Prozessor ist lahm und veraltet, schau mir in die Augen, du siehst nur ’nen langen Ladebalken.“

Blumentopf: „System Fuck“ (1:52), auf Wir (2010).

Blumentopf sind eine rappende Rasselbande aus München. Im Unterschied zu vielen ihrer Genrebrüder legen sie mitunter schlaue Sätze über die vollschlanken Beats. Wortgewitzte, kreative Reime, die nichts mit Aggro-Assos, Bums-Battles oder  Ghetto-Galore zu tun haben (als Ghetto kann man das Glockenbachviertel auch kaum bezeichnen, wo sich die fantastischen Fünf gerne herumdrücken). Und so kann man in ihren Hip-Hop-Tracks, nicht nur in denen vom famosen „Wir“-Album (2010), viele schöne Sätze entdecken. Sätze, mit denen man mehr gewinnen kann als einen Blumentopf.

Die Chatwin-win-Situation

„Bruce ist ein Hundename in England (nicht in Australien) und war auch der Familienname unserer schottischen Cousins.“

Bruce Chatwin: Der Traum des Ruhelosen (Texte aus dem Nachlass, 1996), Fischer, 1998.

Bruce Chatwin, 1940 bis 1989, war ein Mann mit Humor. Ein Mann mit Hundename mit Humor. Aber in der Hammereröffnung des Briten steckt noch mehr: Wer drei Länder in einem Satz unterbringt, noch dazu in einem ersten Satz, der nicht langweilt, sondern die Mundwinkel des Lesers nach oben zieht, der muss ein geistiger Überflieger sein. Ein geistiger Überflieger mit Reiselust (ohne Bonusmeilen). Und genau das war Chatwin: einer der besten Reiseschriftsteller unserer Zeit. Seine Texte sind Reportagen, Autobiographien, Essays. Vor allem aber Zeugnisse einer Zeit, in der das Herumreisen noch Abenteuer war statt All-inclusive.

Ja, Panik? Nein, Freude!

„Ich kenn‘ noch eine Bar, da kriegen wir die Drinks for free, wenn du mich jetzt nicht liebst, dann liebst Du mich wohl nie.“

Ja, Panik: „Run From The Ones That Say I Love You“ (1:10), auf DMD KIU LIDT (2011).

Ja, Panik sind eine famose junge Kapelle aus Österreich. Also eigentlich sind sie gar keine Kapelle, sondern eine Indierock-Band. Und Österreich stimmt auch nicht ganz, weil sie mittlerweile in Berlin (wo sonst?) am neuen deutschen Politpop herumfuhrwerken. Aber famos ist korrekt. Denn wie der Sänger und Hauptakteur Andreas Spechtl in bester Falco-Eigenart singspricht, ist eine Schau. Und wie er Deutsch, Englisch und Österreichisch in seinen betörenden Texten verquirlt, als gäbe es keine Sprachbarrieren, ist höchst erfrischend! Zum Beispiel das: „Sorry for my bad english, but my German is even worse.“ Nicht schlecht, Herr Spechtl!

In memoriam Loriot

„Politik im Sinne sozialer Verantwortung bedeutet, und davon sollte man ausgehen, das ist doch, ohne darum herum zu reden, in Anbetracht der Situation, in der wir uns befinden.“

Loriot in „Die Bundestagsrede“ (0:24).

Zur Erinnerung an Loriot, 1923 bis 2011, der mit seinen Sätzen die Gesellschaft seziert hat wie einer, dem man aber auch überhaupt nichts vormachen konnte. Er brachte mit seinen Worten das Leben auf den Punkt. Punkt.

Grafs Krümelkunst

Bierdeckelpoesie

Oskar Maria Graf, 1894 bis 1967, hat viele Spuren hinterlassen. Als Dichter, als Dramaturg, als Schriftsteller. Man kann die Spuren auch dort finden, wo man sie nicht vermutet: auf einem Bierdeckel. Den starken Satz vom Krümelmonster gibt’s im Literaturhaus München unter das Helle geschoben. Das haben sie sich hübsch zurechtgedacht, dort.

Thees‘ Lachs-These

„Das Leben ist hart, aber das nehm‘ ich in Kauf, zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf.“

Thees Uhlmann: „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ (0:30), auf: Thees Uhlmann, 2011.

Für die einen ist Thees Uhlmann, Jahrgang 1974, der näselnde Minnesänger 2.0. Für die anderen (dazu zählt sich der Autor) ist der Musiker, Songwriter, Produzent, Label-Betreiber und Ex-Backliner der liebenswerteste Lyriker, den die Hamburger Schule je hervorgebracht hat. Egal ob in seiner Band Tomte oder nun auf seiner ersten Soloplatte – Uhlmann formuliert offenherzig und ohne Scham Sätze, gerne Metaphern, die an die emotionale Intelligenz appellieren. Wenn Tocotronic das Hirn der Bewegung waren, dann ist Thees das Herz. Nur eine These.

Der Kniff mit Biff

„Ihr glaubt, ihr wisst, wie die Geschichte endet, aber das stimmt nicht.“

Christopher Moore: Die Bibel nach Biff (2002). Goldmann, 2002.

Christopher Moore, Jahrgang 1957, spricht den Leser gleich mal direkt an. Es gibt Theoretiker, die sagen, dass sollte man besser bleiben lassen. Ich mag das. In einem seiner witzigsten Bücher ist es, genauer gesagt, nicht der humorbetankte US-Autor, der den Leser im Plauderton anquatscht, sondern Levi. Levi, den man Biff nennt, erzählt forsch und frei einfach drauflos. Und zwar nicht irgendeine Geschichte. Sondern die von den wilden Jugendjahren von Jesus. Biff muss es wissen, denn er war dabei: Er war der beste Kumpel von Jesus. Steile Idee, steile Eröffnung.