Kategorie: Popped out of Pop
Himmelwärts mit Heinz
„Was soll das ewige Formulieren? Komm, lass uns himmelwärts spazieren, denn wer nicht wagt, der nie gewinnt, sehn‘ wir nicht zu, wie all die wunderbare Zeit verrinnt.“
Heinz aus Wien: Und apropos (0:41), auf: Heinz (2012).
Da ist sie wieder. So eine wunderbare Zeile von Heinz aus Wien. Was der Stenz von Sänger Michi Gaissmaier aufschreibt, ist sprachlich oft eine Schau. Schönklingend, wortschöpferisch, doppelsinnig („Ich wär gern im Team mit dir“). Oder einfach traumwandlerisch wie hier. Man kann der Ösi-Indie-Kappelle ja vieles vorwerfen, zum Beispiel, dass sie sich beim Krachmachen im Kreis drehen oder nicht die begnadetsten Instrumentalisten im Reich der Alpenländer sind. Jedoch ihr Gespür für kreative Texte, das kann ihnen keiner madig machen. Nun aber genug davon, denn: Was soll das ewige Formulieren? Kommt, lasst uns himmelwärts spazieren …
Poesie der Erdmöbel
„Anfangs Schwester heißt Ende.“
Erdmöbel: Anfangs Schwester heißt Ende (3:21), auf: Retrospektive (2011).
Wenn Anfangs Schwester Ende heißt, auf welche Namen hören dann die Eltern? Ist Anfang ein Junge oder ist Anfang ein Mädchen, und was wäre, gäbe es weitere Geschwister? Hießen die Mitte und Jetzt oder Dazwischen und Später? Um Fragen wie diese zu beantworten, sind Erdmöbel nicht angetreten. Lieber geben sie Rätsel auf. Die Texte, die der Sänger, Gitarrist und Autor Markus Berges seiner Kölner Band auf die Notenblätter schreibt, sind gespickt mit wundersamen poetischen Zeilen. So, als schickte er sie mit den locker arrangierten Melodien auf Reisen, damit sie federleicht herumschwirren im Himmel voller Wörterwolken. Die entspannt vorgetragene Lyrik zum reduzierten Bossa-Nova-Easy-Listening-Pop bewirkt noch mehr: Sie bleibt hängen. Über das Song-Ende hinaus.
Allein mit Olli Schulz
„Du bist so lange einsam, bis du lernst, allein zu sein.“
Olli Schulz: „So lange einsam“ (1:11), auf: Es brennt so schön (2009).
Mit dem Alleinsein kennt er sich aus. Zusammen mit Max Schröder hatte der Hamburger die formidable Gruppe Olli Schulz und der Hund Marie geformt, bis Schröder anfing, bei Tomte zu trommeln, und Schulz zunehmend solo auftrat. Er hat gelernt, allein zu sein. Einsam dürfte sich der Singer-Songwriter auch deshalb nicht fühlen, weil er als zischend-plappernder Unterhalter die Leute mitzureißen versteht. Ob es daran liegt, dass er klingt wie Otto Waalkes Sid, das Faultier? Oder daran, dass er 2009 mit dem Bibo-Tanz einen kreuzfidelen Gassenhauer in die Charts drückte? Das weiß wohl nur Grobi im Ufo. Aber egal: Ob alleine, mit Hund oder Band – Olli Schulz, Jahrgang 1974, bringt schöne Sätze zum Klingen. Zum Beispiel den hier: „Brichst du mir das Herz, dann brech‘ ich dir die Beine.“ Schröder, gib Acht!
Supersonic mit Gin Tonic
„I’m feeling supersonic, give me gin and tonic, you can have it all but how much do you want it?“
Oasis: „Supersonic“ (0:37), auf: Definitely Maybe (1994).
Oasis gibt es (vorerst) nicht mehr (1991 bis 2009). Da hilft auch kein Gin. Tonic schon gleich gar nicht. Zu verschieden waren die Vorstellungen der Gallagher-Brüder, die sich gerade in den Kleinkindjahren des von ihnen großgezogenen Britpop gegenseitig zu Supernovaliedgut herausgefordert hatten. Was bleibt – neben den Songs -, sind energiegetriebene Euphoriesätze wie dieser hier.
Und die Soloprojekte der beiden: Während Noel, der Ältere, mit den High Flying Birds jene alten Überschallgeschwindigkeitsgefühle zurückholen möchte, versucht es Liam mit Beady Eye. Dabei verhält es sich mit den beiden wie mit Gin und Tonic: Kann man alleine genießen, aber glücklicher macht das Zusammenspiel.
Gisbert zu Herzhausen
„Schenk du uns die Drinks ein, ich schütte dir mein Herz aus.“
Gisbert zu Knyphausen: “Erwischt” (1:03), auf: Gisbert zu Knyphausen (2008).
Erwischt! Es müssen Dutzende, ach was, Hunderte Drinks gewesen sein, die dem Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau eingeschenkt wurden. Gemessen daran, wie offenherzig Gisbert zu Knyphausen Liedtexte schreibt, müssen er und seine Muse ein trinkfestes Gespann sein.
Hin und wieder liest man von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel Bosse, Nobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Hatten wir schon, macht aber nix.
Melancholie zu Knyphausen
„Fick dich ins Knie, Melancholie, du kriegst mich nie klein.“
Gisbert zu Knyphausen: „Melancholie“ (2:58), auf: Hurra! Hurra! So nicht. (2010).
Sagt der, dessen stärkste Muse Melancholie heißt. Aber so ist er, der Herr von und zu: Bloß nicht zu einfach denken. Simpel sind Männer, simpel ist Fußball, nicht aber das Leben. Das hat der Wahlberliner aus dem hessischen Rheingau längst erkannt. Und pflegt sein Faible für die komplizierte Welt. Für den Müll des Lebens und die Schmerzen im Herzen. Er vertont die Hasslieben des Lebens.
Hin und wieder liest man in diesem Zusammenhang von Bezügen zu Element of Crime. Das ist natürlich Quatsch, und fast ist man geneigt, den Vorschlaghammer rauszuholen. Denn wenn Sven Regener vom Leben gezeichnet ist, ist Gisbert zu Knyphausen vom Leben skizziert. Mit Verlaub, aber der Mann, Jahrgang 1979, ist zu jung für Gräben im Gesicht und Furchen in der Seele. Gleichwohl verbindet die beiden Geschichtenschnodderer die Magie der Poesie. Und wenn man schon nach Orientierung sucht: Im schönen neuen Feld der jungen deutschen Songwriter ist Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen wohl am ehesten zwischen Philipp Poisel, Axel Bosse, Nobelpenner und Niels Frevert zu verorten. Irgendwo und doch weit vorn. Was soll noch kommen? Herr Knyphausen bitte:
„Und so wie es war, soll’s nie wieder sein, so wie es ist, darf’s nicht bleiben, und wie es dann wird, kann vielleicht nur der bucklige Winter entscheiden.“ (1:55).
Werben ohne Verben
„Im Zweifel für den Zweifel, das Zaudern und den Zorn, im Zweifel für’s Zerreißen der eigenen Uniform.“
Tocotronic: „Im Zweifel für den Zweifel“(0:22), auf: Schall und Wahn (2010).
Schon wieder die Schlaubischlümpfe der Hamburger Schule. Lassen einmal mehr den Diskursheini raushängen. Mit Worten, die zwar komisch klingen, aber zu der Überlegung führen: Im Zweifel für den Zweifel, ob ein Satz unbedingt ein Verb braucht, um sich als Satz an den Türstehern des elitären Wortclubs vorbeizuschlängeln. Gerade das Werben für die eigene Überzeugung – und darum geht es hier – funktioniert ohne dahinschleichende Verben gar bestens. Aber zurück zu Tocotronic: textlich mal wieder 1a. Eins, setzen, Streber!
PS: Die Hamburger Schule hat Zuwachs bekommen. Vier Burschen aus Husum liefern gerade ein Debüt ab, das vor starken Sätzen nur so strotzt (demnächst mehr an dieser Stelle). Vierkanttretlager scheinen tatsächlich den Brückenschlag zu meistern zwischen Alter und Neuer Indie-Schlaubischlumpf-Schule. Im Zweifel für den Zwitter. Schluss, aus, raus!
Element of Romantik
„Bei mir geht überhaupt nichts mehr, weil sich alles um dich dreht, seit der Himmel jeden Morgen deine Augenfarbe trägt.“
Element of Crime: „Seit der Himmel“ (0:43), auf: Romantik (2001).
Dass Sven Regener ein wortgewandter Erzähler ist, haben wir an anderer Stelle bereits gewürdigt. Ursprünglich entwickelte der Bremer Stadtmusikant sein Talent zum Schreiben aber als Chefkauz und Geschichtenschnodderer der Chanson-Kapelle Element of Crime. Zuerst noch ins Englische flüchtend, entdeckte der knurrige Poet bald den Reichtum seiner Muttersprache. Seitdem überrascht er den Plattitüden gewöhnten Pop-Hörer mit phantasievoller Kurzprosa, liebenswerten Träumereien und lyrischen Absurditäten. Er erklärt nicht viel in seinen Texten, lieber regt er an, der Regener.
Jetzt statt Liebe
„All you need is now.“
Duran Duran: „All you need is now“ (1:06), auf All you need is now (2011).
All you need is now. Singt eine Band, deren größtes Jetzt im Gestern war. In den Achtzigern, als die Nummer The Wild Boys in den Mainstream der Radiosuppe gestupst wurde und noch heute in den seichten Gewässern der Hit-Flößer herumdümpelt. Auch die Soundästhetik der 2011 erschienenen 13. Platte ist nur scheinbar jetzig und eigentlich gestrig (Refrain!). Aber ein schön-schlauer Satz, zugegeben. Und darum geht’s hier schließlich.
Praying Pumpkins
„If there is a God, I know he likes to rock.“
Smashing Pumpkins: „If there is a God“ (0:06), auf: Machina II/The Friends and Enemies of Modern Music (2000).
The Smashing Pumpkins, gegründet 1987 und 2006, sind eine der größten Alternative-Rockbands, die Gott auf der Erde Krach machen lässt. Billy Corgan, Chef-Glatzkopf, Gitarrenguru, Songschreiber und Sänger der Gruppe aus Chicago, hatte 2000 ein göttliches Geschenk an seine Fans zu verteilen: Kurz vor der (vorläufigen) Auflösung der Band brachte er ein Abschiedsalbum heraus, das er seinen Rockjüngern kostenlos im Internet zugänglich machte, weil die Plattenfirma zuvor herumgezickt hatte. Darauf befand sich dieser Song. Gott muss ihn wohl gehört (und Billys Flehen erhört) haben, denn schon wenige Jahre später hauchte er dem begnadeten Musiker die Botschaft ein, die Smashing Pumpkins doch bitteschön wiederzubeleben. Was Corgan dann auch tat, wenngleich mit neuen Kollegen. Und so sehnsuchtsrocken sie noch heute. Amen.