Kategorie: Popped out of Pop

Absolute Näsler

„Denn im Großen und im Ganzen haben wir allen Grund zum Tanzen.“

Jan Delay: „St. Pauli“ (1:21), auf: Hammer & Michel (2013).

Jan Delay ist ein Spaßvogel, besser gesagt: eine Spaßbiene. In der aktuellen Size-Zero-Kinoversion der Biene Maja spricht der Hamburger Hip-Hop-Näsler den Willi, was selbstverständlich hervorragend passt, weil Majas bester Freund schon in der Originalfassung (Eberhard Storeck, der auch Snorre aus „Wickie und die starken Männer“ synchronisierte) sprechzischt, als wäre er an der Seite von Delay in der Urformation seiner Absoluten Beginner groß geworden. Zwar kann Willi schon mal ein miesepetriger Schisser sein, und doch verbindet die beiden eine gewisse lebensbejahende Einstellung zum Großen und Ganzen. Grund zum Tanzen finden sie immer. Ob Willi allerdings auf St. Pauli fliegt, darf bezweifelt werden. Er ist ja eher so der Landbrummer.

Wortweiden statt Stilblüten

„Vor meiner Tür blüht eine Wiese aus Mittelfingern, doch ich lach mir in die Faust und lasse endlich wieder Licht ins Zimmer.“

Flo Mega: „Hinter dem Burnout“ (1:18), auf: Mann über Bord (2014).

Wer Alpha sagt, muss auch Omega sagen, in diesem Fall Flomega. Flo Mega. So nennt sich der Bremer Florian Bosum, der nicht nur die Spielarten von Hip-Hop und Soul aus dem Effeff beherrscht, sondern auch die Feinheiten der deutschen Sprache von A bis Z. Poetische, bildhafte, schelmische Zeilen erblühen in seinen Songs. Keine Stilblüten, eher Wortweiden. Wie in der Single Zurück von 2010: „Ich bin zurück von dort, wo der Pfeffer wächst.“ Auch auf dem aktuellen, zweiten Studioalbum „Mann über Bord“ lassen sich Sätze zum Verlieben pflücken. Den hier zum Beispiel: „Hinter dem Burnout liegt das Paradies, ich hab es gesehen, es ist schöner als Paris.“ Wachsen soll eine Wiese aus Daumen. Nach oben, natürlich.

Mehr als eine Eintagsliebe

„Oh mein Gott dieser Himmel, wie komm ich da bloß rein, oh mein Gott dieser Himmel, wo zur Hölle soll das sein?“

Marteria: „OMG!“ (1:19), auf: Zum Glück in die Zukunft II (2014).

Der Weg in den Himmel führt beizeiten durch die Hölle. Marten Laciny musste erst Fußballer und Model werden, ehe er seine wahre Berufung zum Beruf gemacht hat: Seit Jahrtausendbeginn spielt der Wahl-Berliner aus Rostock nicht mehr mit Bällen und Blicken, sondern mit Worten. Ob Hansa Rostock oder die Modebranche höllische Qualen für ihn bereithielten, sei einmal dahingestellt. Fest steht: Als Rapper macht der Hip-Hop-Nerd, Jahrgang 1982, eine durch und durch glänzende Figur. Reimt sich ein in die Reihe schlauer Beatpoeten wie Peter Fox und Käptn Peng.

Bei seinen Texten zeigt Laciny, der gerade als Marteria durchstartet, dass er ein enger Freund kreativer Formulierungen ist: So heißt ein Song seiner neuen Platte „Eintagsliebe“, ein anderer „Die Nacht ist mit mir“. Und auch die Namen seiner bisherigen Alben ziehen Sprachschelmen die ohnehin höhergelegten Mundwinkel nach oben: „Halloziehnation“ (2006), „Base Ventura“ (2007), „Zu zweit allein“ (2008), „Zum Glück in die Zukunft“ (2010). Gut möglich, dass er seinen Wortspieltrieb nicht immer unter Kontrolle hat, ich kenne das aber warum sollte er? Er war und ist ein Spieler, und Spielern steht der Himmel offen.

Utopie statt Barbarie

„Ich wünsch‘ mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht, ich hab‘ auf Back To The Future die Uhr gedreht.“

Ja, Panik: „Libertatia“ (0:05), auf: Libertatia (2014).

Zeit im Pop ist so eine Sache. Der Pop hat keine Zeit, aber zeitlos ist er nicht. Vielmehr poppt er auf, im Hier und Jetzt, um sich bald darauf wieder zu schleichen. Das war früher auch nicht anders. Ja, Panik, diese betörenden Politpop-Burschen aus Wien Berlin, drehen wahlweise am Rad oder an der Uhr. Auf ihrem neuen Album entführen sie uns an einen Ort jenseits von Zeit und Raum, den sie Libertatia nennen, angelehnt an eine mögliche anarchistische Kolonie im 17. Jahrhundert in Madagaskar. „One World, one Love, no Nations“, sehnsüchteln sie und träumen von einer Politik jenseits der erfundenen Gemeinschaften. „Space is the place, der die Flüchtigen liebt.“ Rückblick, um nach vorne zu kommen, heißt die Devise; Vision statt Kapitulation die nächste Stufe der Band-Evolution. Utopie statt Barbarie.

Wie schnelllebig das ganze Popdings ist, sieht man daran, dass Ja, Panik inzwischen nur noch zu dritt sind. Was bleibt, ist die famose Singsprech-Performance des Hauptakteurs Andreas Spechtl, der noch immer (zeitlos?) Deutsch, Englisch und Österreichisch zur stärksten Wiener Melange verquirlt, die es in Kaffeehäusern nicht gibt. Kostprobe? Bitte, gerne:

Ich hab’s probiert, man sagte mir: Lass es! Now i smash empty glasses! („Barbarie“)

Hatten wir schon, macht aber nix. Nicht schlecht, Herr Spechtl!

Herrliche Himmelsmaler

„Ich dipp den Finger in den Himmel, ich habe Farben zugerührt, und sie tauchen meine Seele in einen Ton, der mir gehört.“

Herrenmagazin: „Regen“, auf: Das Ergebnis wäre Stille (2013).

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Hier geht es nicht um die windige Lyrik Prosa einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen. Mehr schöne Sätze von Herrenmagazin gibt’s hier.

Herrenmagazin statt Bibel

„Die Zeit heilt keine Wunden, bild dir das bloß nicht ein, sie haben die Bibel nur erfunden, um selber Gott zu sein.“

Herrenmagazin: Keine Angst (2:01), auf: Das wird alles einmal dir gehören (2010).

Herrenmagazin. Die erste Assoziation ist – falsch! Hier geht es nicht um die windige Lyrik Prosa einschlägiger Heftl, sondern um den durchdachten Poesie-Pop der gleichnamigen Indie-Rockband aus Hamburg. Die Herrschaften um den Gitarre schrubbenden Sänger Deniz Jaspersen punkten insbesondere bei den Texten. Ausgerechnet, bei dem Namen. Hatten wir schon, macht aber nix.

Military Of The Gänsehaut

„We don’t need entertainment, we entertain ourselves.“

Naked Lunch: „Military Of The Heart“ (2:41), auf: This Atom Heart Of Ours (2007).

Vieles passt hier nicht zusammen: der Militärbezug im Songtitel zur Gänsehautromantik im Text; die Herkunft der Band (Klagenfurt) zur Sprache des Sängers (Austroenglisch, Englisch); die Schluffigesichter zum britisch gefärbten Indierock. Naked Lunch nennen sich der Oberschluffi Oliver Welter und seine Kollegen, nach dem Skandalroman von William S. Burroughs über Drogen, Homosexualität und Wahnsinn aus dem Jahr 1959. Und wie der amerikansiche Schriftsteller (1914 bis 1997) geben sich die Musiker gerne dem Gefühlsrausch hin.

Wie sich das Liebeslied zur ergreifenden Hymne auf die Zweisamkeit hochsymphoniert, lässt gesunde Herzen lauter schlagen. Der Moment, wenn um zwei Liebende herum alles andere wurscht ist, wenn Entertainer unterhalten sollen, wen sie wollen, nur nicht die zwei Liebenden, weil diese nix und niemanden brauchen, dieser glücksschwangere Moment ist hier wunderbar in Melodien geflossen. Und die zwei sind eins. „On the day i found myself“. Alles passt hier zusammen. Alles.

Heartcore

„And my head told my heart, let love grow, but my heart told my head, this time no.“

Mumford & Sons: „Winter Winds“ (1:16), auf: Sigh No More (2009).

Das gegenwärtig große Ding von der pophistorisch wichtigsten Insel der Welt funktioniert so: Banjo, Gitarren, Kontrabass, Akkordeon und ab dafür. Folk heißt dieser musikalische Straßenfeger, der zwar schon so alt ist wie die Bärte einiger Kollegen lang, der aber im retrophilen Zeitalter bestens flutscht, setzt man das präpotente Präfix „Indie“ davor und lässt ihn von modernen jungen Burschen mit abgöttisch viel Inbrunst zelebrieren. Selbstverständlich gibt es nölende Neider, die seit Jahren prinzipiell nichts anderes machen, ohne von der Welt (oder auch nur vom Lieblingspub) gehört zu werden. Aber eben nur prinzipiell. Prinzipiell ist der Prinz, und die Könige heißen Mumford.

Herz und Verstand sagen Ja zu dieser Band aus London, deren Texte so poetenwarm, die Melodien so heimelig daherkommen, als würden Head und Heart zur Hochzeit bitten. Alles passt perfekt zusammen. Die ADHS-verdächtigen Zappelbanjos im Sound der Mumfords sind ebenso Markenzeichen wie die einlullende Harmonik (auch wenn der mehrstimmige Gesang zuweilen windschief klingt, als lautete die Aufgabe, ein schräges Cottage in Cornwall zu vertonen). So schnell wie der Winterwind wird diese Gruppe nicht verschwinden.

Reine Reime

„There’s nothing pure enough to be a cure for love.“

Leonard Cohen: „Ain’t No Cure For Love“ (2:09), auf: I’m Your Man (1988).

Einen Weisheitssatz wie diesen in ein Liedlein zu packen und ihn den Background-Sängerinnen zu überlassen, ist eine dumme  kühne Idee. Zu leicht wird er überhört, zu wenig darüber nachgedacht. Aber was soll er machen, der Leonard Cohen? Die Ursprünge seines Schaffens liegen im Schreiben, er war Dichter und Schriftsteller, bevor er sich in der Musik verlor. Als Singer-Songwriter bringt Cohen beides zusammen: gehaltvolle Gedanken und markante Melodien. Da zieren Zeilen seine zerrissenen Folksongs, von denen musenresistente Kollegen ihr Leben lang träumen. Sätze wie dieser: “I’ve seen the future, it’s a murder.” Oder dieser (bereits im Museum der schönen Sätze aufgenommen): „There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“

Jeder Satz ist ein Geschenk

„Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt.“

Kid Kopphausen: „Das Leichteste der Welt“ (1:36), auf: I (2012).

Wenn die Sätze nicht so schön wären, die einem beim Hören dieser Platte um die Ohren wehen, es wäre einfach nur zum Heulen. Da tun sich zwei Musiker und Sänger zusammen, auf die Hamburg, ach was Norddeutschland, ach was Deutschland, ach was weiß ich, wer sonst noch, stolz sein sollte; da vereinen sich der auf Melancholie-Wolke sieben schwebende Songwriter Gisbert zu Knyphausen und der Maler und ehemalige Fink-Poet Nils Koppruch, um uns als Kid Kopphausen „Blumen vom Arsch der Hölle“ mitzubringen, wie sie dichten; und was passiert, als man sich unsterblich verknallt hat in dieses schwelgerisch-schöne Folk-Pop-Album „I“? Nils Koppruch stirbt im Alter von 46 Jahren.

Zwei Monate ist das nun her, und natürlich hört man die Songs seitdem – es mag inzwischen der vierundvierzigste Durchlauf sein – mit gemischten Gefühlen. „Das Leichteste der Welt“? Welch Ironie! Dennoch soll hier eine bitter-fröhliche Zeile gewürdigt und ins Museum der schönen Sätze aufgenommen werden, die die Hoffnung im Schmerz zum Ausdruck bringt: „Jeder Tag ist ein Geschenk, er ist nur scheiße verpackt, und man fummelt am Geschenkpapier rum und kriegt es nur mühsam wieder ab.“ Also los, Freunde, zerfetzt das Papier und pflückt den Tag! Denn die Zeit ist ein Halunke.

PS: Never mind the darkness, Nils, you will be saved by Rock’n’Roll!