Getagged: Pop
Sag’s durch den Blumentopf
„Doch sie hat recht, sie fühlt sich von mir als Mensch nicht verstanden, weil die Hälfte ihrer Sätze in meinem Spam-Filter landen, I am sorry, mein Prozessor ist lahm und veraltet, schau mir in die Augen, du siehst nur ’nen langen Ladebalken.“
Blumentopf: „System Fuck“ (1:52), auf Wir (2010).
Blumentopf sind eine rappende Rasselbande aus München. Im Unterschied zu vielen ihrer Genrebrüder legen sie mitunter schlaue Sätze über die vollschlanken Beats. Wortgewitzte, kreative Reime, die nichts mit Aggro-Assos, Bums-Battles oder Ghetto-Galore zu tun haben (als Ghetto kann man das Glockenbachviertel auch kaum bezeichnen, wo sich die fantastischen Fünf gerne herumdrücken). Und so kann man in ihren Hip-Hop-Tracks, nicht nur in denen vom famosen „Wir“-Album (2010), viele schöne Sätze entdecken. Sätze, mit denen man mehr gewinnen kann als einen Blumentopf.
Ja, Panik? Nein, Freude!
„Ich kenn‘ noch eine Bar, da kriegen wir die Drinks for free, wenn du mich jetzt nicht liebst, dann liebst Du mich wohl nie.“
Ja, Panik: „Run From The Ones That Say I Love You“ (1:10), auf DMD KIU LIDT (2011).
Ja, Panik sind eine famose junge Kapelle aus Österreich. Also eigentlich sind sie gar keine Kapelle, sondern eine Indierock-Band. Und Österreich stimmt auch nicht ganz, weil sie mittlerweile in Berlin (wo sonst?) am neuen deutschen Politpop herumfuhrwerken. Aber famos ist korrekt. Denn wie der Sänger und Hauptakteur Andreas Spechtl in bester Falco-Eigenart singspricht, ist eine Schau. Und wie er Deutsch, Englisch und Österreichisch in seinen betörenden Texten verquirlt, als gäbe es keine Sprachbarrieren, ist höchst erfrischend! Zum Beispiel das: „Sorry for my bad english, but my German is even worse.“ Nicht schlecht, Herr Spechtl!
Thees‘ Lachs-These
„Das Leben ist hart, aber das nehm‘ ich in Kauf, zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf.“
Thees Uhlmann: „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ (0:30), auf: Thees Uhlmann, 2011.
Für die einen ist Thees Uhlmann, Jahrgang 1974, der näselnde Minnesänger 2.0. Für die anderen (dazu zählt sich der Autor) ist der Musiker, Songwriter, Produzent, Label-Betreiber und Ex-Backliner der liebenswerteste Lyriker, den die Hamburger Schule je hervorgebracht hat. Egal ob in seiner Band Tomte oder nun auf seiner ersten Soloplatte – Uhlmann formuliert offenherzig und ohne Scham Sätze, gerne Metaphern, die an die emotionale Intelligenz appellieren. Wenn Tocotronic das Hirn der Bewegung waren, dann ist Thees das Herz. Nur eine These.
Tocotronics schöne Lügen
„Pure Vernunft darf niemals siegen, wir brauchen dringend neue Lügen, die unsere Schönheit uns erhalten, uns aber tief im Inneren spalten.“
Tocotronic: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2:31), auf Pure Vernunft darf niemals siegen, 2006.
Tocotronic, die Schlaubischlümpfe der Hamburger Schule. Lassen hier mal wieder mächtig den Diskursheini raushängen. Song und Text schaffen Spielraum für erwünschte Interpretationen und Intellektuellengedöns. Aber wie, zum Heraklit, soll das gehen, so ganz ohne Vernunft? Schon blöd. Aber schön. Und natürlich textlich 1a. Eins, setzen, Streber!
Viva Fiva!
„Wer sich selbst nicht über-, wird gerne unterschätzt.
Fiva mit Doppel D: „Superfresh“ (1:49), auf Re-B-aya-N, 2010.
Fiva, eigentlich Nina Sonnenberg, Jahrgang 1978, ist Rapperin, Slampoetin, Moderatorin und Verlagskauffrau. Kein Wunder, dass die Münchnerin sprachlich geschliffene, schlaue Sachen von sich gibt – wie hier zusammen mit den bairischen Dialekt-Hip-Hoppern von Doppel D. Unterschätzt die mal nicht!
Jets geniale Liebeserklärung
„Love is when you wanna kiss and you get bit.“
Jet: „She’s a genius“ (2:30), auf Shaka Rock, 2009.
Nun ist die australische Brüderband nicht gerade für ihre literarisch anspruchsvollen Textzeilen bekannt, schon eher für ihren druckvollen und höchst melodiösen Rumpelrock, der wie eine nicht ganz vollendete Kreuzung von Oasis und den Beatles klingt. Aber hin und wieder haut Nic Cester Sätze raus, die verblüffen – sofern man sie versteht in all dem Krach.